Polnische Buchhandlung “buchbund” in Berlin

Fajny wieczór literatury polskiej przy świecach i przy winie w polskiej księgarni “buchbund” w Berlinie. Pierwsze odkrycie: Berlin jest mały. Drugie odkrycie: Berlin składa się prawie wyłącznie z moich byłych studentów. 

Ein Abend bei Kerzenschein und Wein in der polnischen Buchhandlung “Buchbund” in Berlin. Die erste Entdeckung: Berlin ist klein. Die zweite Entdeckung: Die Welt besteht fast nur aus meinen ehemaligen Studenten.

 

28 Jahre in Deutschland

Heute ein persönliches Jubiläum: 28 Jahre Deutschland. An (oder lieber ZU?) Allerheiligen 1983 in aller Herrgottsfrühe mit dem Ost-West-Express und einem Touristen-Visum in der Hand den Eisernen Vorhang gestürmt, in Wanne-Eickel angerast gekommen und sich unverzüglich dem Kulturschock sowie den Gehässigkeiten des Ausländeramtes der Stadt XY ausgesetzt. Von der deutschen Sprache - (fast) kein blasser Schimmer.


Moj dzisiejszy jublileusz: 28 lat w Niemczech.
Podróż ciemną nocą (duchy, strachy, wszystkich świętych, halloween) dookoła świata - ze Szczecina przez Poznań, Rzepin i Berlin do Zagłębia Ruhry. Przedarcie się przez Żelazną Kurtynę. Wysiadka z Ost-West-Exressu wczesnym rankiem roku 1983 z wizą turystyczną w kieszeni na ciemnym peronie miasta Wanne-Eickel. Kolejne dni: szoking i walka z Ausländeramten miasta XY.

Deutsch-polnische Freundschaft

Gespräch mit Studenten im Rahmen der interkulturellen Kommunikation. Ich frage: “Habt Ihr eine Ahnung, warum wir einen Namen für das Stereotyp des Deutschen und der Deutschen haben (Helmut/Hans und Helga), die Deutschen aber haben keinen Namen für das Stereotyp des Polen und der Polin? Antwort eines Studenten, 20 Jahre alt: “Weil wir sie noch mehr hassen als sie uns?”

 

Studenci na komunikacji miedzykulturowej. Pytam, czemu my mamy imiona dla stereotypów Niemca i Niemki (Helmut/Hans i Helga), a Niemcy dla nas nie maja. Odpowiedź dwudziestoletniego studenta: “Bo my ich jeszcze bardziej nienawidzimy niż oni nas?”

Fliegen über Berlin. Karsten Troyke & Suzanna (Kultur), Abpaddeln auf Tegeler See (Natur)

Konzert im „Haus der Sinne“, Ystader Straße. Karsten Troyke & Suzanna präsentieren ihr Prgramm “Chanson total deutsch, russisch, romanes, yiddish“, am Klavier Götz Lindenberg. Vor allem die osteuropäischen Lieder bringen das Blut in Wallung. (Die anderen aber ouch.) Ein paar Zeilen bleiben hängen. „Schnucki, ach Schnucki,  geh mit mir nach Kentucky!“ Oder: „I’m crazy far she, but she’s not crazy far me.“ Ach, und die Künstler sind so gut gelaunt und ausgelassen, sie lachen, spielen, experimentieren. Haben Humor und gehen aufs Ganze. Der Funke springt rüber. Die Leichtigkeit macht es, die Selbstverständlichkeit. Wenn die Künstler Spaß bei der Sache haben, hat es das Publikum meist auch. Alles so beschwingt. Auch der Rock der Sängerin. Zum Schluss fliegt ihre Perücke durch den Raum.

Paddeln über den Tegeler See in der schönsten Oktobersonne mit W. und Yo. Direkt über uns ein Flugzeug after dem anderen. Doch wir lassen uns davon nicht beeindrucken, unsere Arme arbeiten kräftig und im Rhytmus. Lichtstrahlen spielen mit den Wellen. Wir sitzen alle in einem Boot. W. und ich spenden Muskelkraft, Yo sitzt in der Mitte, etwas reingequetscht, und steuert etwas unwillig. Doch irgendwann hat sie doch Spaß an der Sache, und dies ist einer Entdeckung geschuldet: “Mensch, ich hab die Fäden in der Hand!”. Ja, jetzt wissen wir, was das heißt. Für die Pausen gibt es Kaffee, Tee und  vor allem Glühwein (!) in Thermoskannen aus Edelstahl, dazu noch Pflaumenkuchen, alles von W. persönlich vorbereitet. Für jemütliche Pausen muss gesorgt werden, sagt W, sonst machen die Weiber nicht mit. Zum Schluss geht W. noch seiner Zwangshandlung nach: Er springt ins schweinekalte Kanalwasser, was uns zwar nicht mehr beeindruckt, aber einen Angler in Erstaunen versetzt. „Das gloubt mir keiner zu Hause“, sagt er und schüttelt mit dem Kopf.

 

“Du bist nicht allein” - sozialkritisch, aber na ja

Filmabend zu Haus: „Du bist nicht allein“ (deutsche Tragikomödie von Bernd Böhlich aus dem Jahr 2007) voller Anspielungen auf „Halbe Treppe“ von Andreas Dresen 2002). Sozialkritisches Kino. Plattensiedlung, Arbeitslosigkeit. Die Russen dürfen nicht fehlen, vor allem eine attraktive Russin, die den arbeitslosen Familienvater (Axel Prahl) und Ehemann verzaubert. Für sie spielt er gerne Freund und Helfer, stürzt sich in Unkosten. Und sie bewundert seine Balkonmalereien - die Ehefrau hat es nämlich nicht getan. Trotzdem - Axel Prahl ist der überzeugendste Ossi, den es gibt (obwohl er ein Wessi ist). Ansonsten verzaubert mich der Film eher nicht, auch wenn der Busen der russischen Nachbarin immer sehr betont ins rechte Licht gerückt wird, damit wir ihn nicht übersehen. Katharina Thalbach in der Rolle der alten und etwas „verbrauchten” Ehefrau – nicht so überzeugend, zu markant. Sie hat zu viele ähnliche, „proletarische“ Rollen gespielt. (In der „Sonnenallee“ war sie super.) Der Kontrast zwischen ihr und der Russin zu groß, zu plump. Jewgenia selbst zu blass. Gesamturteil:  Zu direkt, zu deutlich, dadurch zu flach geraten. Da hilft das offene Ende auch nicht mehr.

Der zweite Handlungsstrang mit einem arbeitslosen Physiker, der dem Alkohol verfallen ist und von seiner Ex-Frau nicht lassen kann – stiller, dezenter, schöner, nicht so eindeutig. Poetische Szenen, witzig-melancholisch, zu Herzen gehend. Erinnert mich an eine Erzählung von Krzysztof Niewrzęda.

 

Oktobersonne

ich bringe den müll raus, um die sonne zu sehen

Icke und die Ossis, Icke und Er, C-Rebell-um, Kulturunterschiede

Autobahn

 

(1) Autobahnfahrt im allgemeinen – lädt mit Kraft auf. Besonders wenn Eminem dazu kommt, geballte Yang-Energie. Diese kann ich immer gut gebrauchen.

(2) Nächtliche Autobahnfahrt im besonderen – gruslig. Was hilft, ist die Phantasie, dass ich als Mann sozialisiert wurde. Das heißt: Ich muss solche Herausforderungen einfach meistern und es gibt keinen, der mir das abnimmt.

Unterwegs höre U. Tellkamps „Der Turm“ – interessant, aber meine Güte, er will der zweite Thomas Mann sein. Dieses Unterfangen kann nicht gelingen.

 

Meine Götter

 

In Stettin erfahre ich von A.Z., dass den Frauen vom Stettiner Kulturamt mein Text über meine privaten „Gottheiten“ (in “Pogranicza” 3/2011) besonders gut gefällt. Dabei wollte ich gerade diesen Text löschen und für immer vergessen. Diese Leserinnen aber meinen, ich würde hier etwas ausdrücken, wass sie seit langem fühlen, jedoch noch nicht in Worte fassen konnten.  Na ja, wir haben eine ähnliche religiöse Erziehung und überhaupt eine ähnliche Sozialisation als Mädchen erlebt - und auch dieselben Enttäuschungen. Wir alle suchen jetzt mühsam unseren eigenen, nicht fremdbestimmten und nicht angstbesetzten Weg.

 

Ein Gedicht

 

Ein von Inga Iwasiów moderierter Abend mit deutschen, holländischen und polnischen Dichtern. Spannend. Ein bewegendes Gedicht von J. Fiedorczuk. Mutter und Tochter spielen, dass eine von ihnen tot ist.

Danach gibt es ein anständiges „bufet“ im Schloss. Es gibt frische Feigen. Dazu noch gefüllt. Ebenfalls ein Gedicht.

 

Mit Ossis unterwegs

 

Mit drei Ossis unterwegs. Der eine ist Reiseleiter und Antreiber - er bestimmt, wo und in welchem Tempo es lang geht. Der zweite ist Kraftfahrer - er bestimmt wo und in welchem Tempo es lang fährt. Darüber hinaus ist er Kartenkenner und will es manchmal besser wissen als der Reiseleiter selbst. Der dritte ist T-Shirt-Lüfter, Verzögerer und “Schöne-Ecke-Sager”. Alle drei sind Bier-Trinker. Die Reise fängt im Zug an, wo wir einen Ukrainer auf Russisch aufheitern müssen, dessen Visum vor einer Woche abgelaufen ist. Er will so schnell wie möglich nach Polen, träumt geradezu von Warszawa, um von dort nach Hause zu gehen. Polen seien käuflich, meint er, nehmen Euros und lassen ihn in Ruhe, Deutsche nicht. Ihm gefällt es hier langsam nicht mehr. Der übereifrige Schaffner nimmt ihm seinen Pass weg. Unterwegs sagt er die ganze Zeit per Lautsprecher durch: Bitte die Türen nicht aufmachen. In Dresden wartet schon die Polizei. Na, ja die Übereifrigkeit so mancher Beamter hierzulande…

Dann Autobahnfahrt – unser Fahrer rast,  alle Anderen verlassen fluchtartig die linke Spur, und wenn nicht, so kriegen sie es mit der Angst zu tun. Wir hören u.a. Rap von “C-Rebell-um” über Ossi-Identität.  Es ist zwar mein Interessengebiet und ich höre es gern, hab aber gemischte Gefühle dabei. Ein wenig kindisch - diese Haltung der “beleidigten Leberwurscht” (immer noch auf die Wende beleidigt sein). “Ihr wisst gar nichts von uns, wisst ihr”, wirft er den Wessis vor. (Ich bin die letzte, die das Problem nicht versteht, aber wenn schon, dann bitte etwas tiefer greifen.) Er verwickelt sich in Widersprüche, verklärt die DDR und klagt sie zugleich an, ist sich des Widerspruchs jedoch nicht bewusst, reflektiert ihn nicht. Außerdem: Muss man sich denn wirklich in Rap-Texten so unverblümt selbst anpreisen? Vielleicht gehört es zur Gattung, aber es nervt.

Da war „Icke und er“ aus Spandau schon besser. “Allet läuft so jut, bis auf die Finanzen.” Oder: “Giebt es Rippe mit Jemüse sag ich Richtisch Geil / giebt es Correcte Bratwurst find Ick Richtisch Geil.” “Icke und Er” spielen zwar alte Machos und wollen cool sein, aber es hat was. Eine korrekte Bratwurscht pfeife ich ja auch schon mal gerne ein. Übrigens (Einwurf für meine Studenten) – man kann im Deutschen nicht nur etwas einpfeifen, sondern auch abpfeifen. Der Ukrainer wollte z.B. abpfeifen, doch sie haben ihn gefasst. Den Jungs gefällt der Song über  die”Berliner Girls” (Berliner Jerls) ganz besonders - meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aus feministischen Gründen.

Der erste Abend in einer schönen Siedlung in den Bergen (Ortsteil Pomezny Boudy des Dorfes Mala Upa). Es klingt kitschig, aber man ist den Sternen so nah, der Himmel ist so klar, und das ist nach wie vor verdammt schön.

Unser Vokabular in diesen Tagen beim “Abschrubben” von Kilometern auf Wanderungen: Wir sind nicht zum Spaß hier. Abarbeiten. Dann haben wir es weg. Eine scheejne Ecke. Es geht ab. Herrlich!

Ich lerne außerdem viel Ossi-Vokabular, zum Teil unanständig, denn ich höre mir Armeegeschichten an. Also: Schlüpferstürmer, Büchsenöffner, Liebestöter usw.  Vielleicht hat man aber auch in der Bundeswehr so gesprochen, keine Ahnung.

 

Kulturunterschiede

 

Warum fragt man mich in Polen immer ganz besorgt, aus welchem Grund ich meine große schwarze Tasche immer mit mir herumschleppe? In Deutschland hat mich noch niemand danach gefragt. Soll ich etwa mit einem kleinen Damentäschchen zur Uni gehen? Da passt doch gar nichts rein. Mein Laptop muss immer dabei sein, ein paar Bücher und Papiere, von denen ich mich ungerne trenne. Warum fällt das in Polen so extrem auf und von welchem Kulturunterschied zeugt das Ganze?

 

Alltag

 

Ansonsten heißt es ackern, ackern, ackern. Feld bestellen, Garten umgraben, Geduld haben. Von nichts kommt nichts. Von Facebook nicht abhängig werden. Ab und zu das Schwert zücken, mutig sein. Es ist nicht dramatisch. Es ist nur Arbeit, weiter nichts. Mein Gott.

Das Fremde in uns

“Worauf ich hinauswill, ist dies: Fremdenhass hat auch immer etwas mit Selbsthass zu tun. Wenn wir verstehen wollen, warum Menschen andere Menschen quälen und demütigen, müssen wir uns zuerst mit dem beschäftigen, was wir in uns selbst verabscheuen.” (Arno Gruen)

“Mich beschleicht das komische Gefühl, Krieg bedeutet, denselben Mann immer wieder zu töten, um am Ende festzustellen, dass ich selbst dieser Mann war.” (Eugene O’Neill)

Erinnerungen an den Berliner Sommer

Berlin verlangt von uns viel. In Berlin zu leben ist eine Ehre und eine Verpflichtung. Faule Socken haben es hier schwer. (Rote Socken angeblich weniger.) Was sagt noch mal mein Idol Peter Fox? Bist Du nicht cool, wirst Du aufgefressen, kurz verdaut und vergessen oder so. Worauf haben wir uns eingelassen mit dieser STADT? Sie ist unser Gott geworden und jeden Tag beten wir sie in ihren Tempeln an, schmeißen ihr unser letztes Geld zu Füßen.  

Vor einigen Wochen ein wunderbarer Abend an der Spree, tanzende Paare am „Hexenkessel Hoftheater“, an der Strandbar. Idyllisch, fein, edel, ein ruhiger, warmer Sommerabend. Wir genießen das so was von. Die Paare, die Spree, die Schiffe, die S-Bahn, den Fernsehturm. Wollen dort auch einmal tanzen, aber nicht heute. Heute haben wir Rucksäcke mit. Ein andermal, da trauen wir uns bestimmt. Beim Konzert im Hoftheater (Schlager und Zigeunermusik, gespielt u.a. von Ukrainern aus Stettin) vergibt V. den Leuten aus dem Publikum treffende Vornamen. Er identifiziert Knut und Anita, Burhkhardt und Gisela, Zbigniew und Tatjana, auch Erwin schaut vorbei. Der fünfundfünfzigjährige Knut schnappt sich ein Mädchen, geht vor die Bühne und tanzt vor dem Publikum wie besengt. Ein beeindruckender Auftritt.

Ja, Knut hat es geschafft. Die STADT wird stolz auf ihn sein. V. gefällt es, klar, er wäre selbst gern auf die Bühne gestürmt und hätte Matte geschmissen. Da er aber keinen Mut dazu findet, spottet er böse über Knut, um sich Luft zu verschaffen. Sein Therapeut, sagt er, hätte ihm dazu geraten, sich endlich was zuzutrauen, Mensch, Knut, hätte der Therapeut zu Knut gesagt, mach es einfach, geh doch einmal auf die Bühne, trau dich doch mal, „Icke und Er“ haben es schließlich auch jemacht, und es wurde geil und korrekt.

Kurz vor Mitternacht verlässt Knut jedoch den Ball. Denn um Mitternacht muss er im Bett sein, nur so viel Auszeit hat er bekommen von der Fee. Morgen früh muss er wieder auf dem Amt sein und fleißig stempeln. Kaminer schrieb mal was darüber - über das zweite, heimliche Gesicht braver Berliner Bürger. Über ihr geheimnisvolles Doppelleben.

Ebenfalls im Juli ein Wochenende mit Inga in Berlin. Ein Abend mit jüdischer Musik im „Pankow Zimmer 16“. Ein jüdischer Witz des Sängers über heiße Polinnen. Schöner, intensiver Augen- und Seelenkontakt mit den spielenden Jungs, da wir praktisch in der ersten Reihe sitzen.

Inga gefällt V. als Vertreter von Ossis („Enerdowcy“), die sich tapfer in der westlichen Welt durchschlagen und ihre Ehre verteidigen. V. haut mal wieder auf die Kacke. Er will keinen Flaschenöffner von mir, obwohl ich einen solchen vorsorglich mitgenommen habe, öffnet sein Bier mit dem Schlüssel und brüstet sich damit. Wir sind hier schließlich nicht zum Spaß, das Ossi-Männerbild ist im Spiel. Anhand dessen berichtet Inga in ihrem Blog davon, mit welcher Fassung und Würde, mit welcher Härte gegen sich selbst Ossis ihren Mann stehen, um es den Weicheiern aus dem Westen zu zeigen. Ja, den Weicheiern, so böse drücken sich die Ossis über ihre Brüder aus. (Sie sind so böse. Schon vor dem 1. Dezember öffnen sie alle Türchen im Weihnachtskalender.) Manchmal nennen sie die Westintellektuellen sogar „Schwuchteln“ und schämen sich nicht dafür. Inga hat auf Polnisch ein besseres Wort gefunden: „lalusie“.

 

 


Das ist die Zeit der Irren und Verrückten. Filmtherapie

Ich bin nicht fleißig genug. Hab lange nicht mehr geschrieben und muss jetzt vieles nachträglich berichten, an meiner Selbstkreation weiter arbeiten. Sich immer neu erschaffen (Bob Dylan soll es gesagt haben). Aufrecht bleiben. Weiter machen. Stehauffrauchen sein. Auch wenn es schwer fällt, den Arsch bewegen. Die Stimmung heben. Wenn sie einmal tief ist, meinetwegen in die Tiefe gehen, Gefühle fühlen, aber nicht für allzu lange. Dann besonders fleißig sein, seine eigene Assistentin spielen. Gefühle KREIEREN. Der Fleiß hilft dabei - eine alte gute deutsche Tugend. Die Deutschen haben uns schließlich auch was zu bieten.

Gestern einen schönen Film gegen depressive Stimmungen mit Ju gesehen. „Brand new“, hat ihn ein junger Mann in der Videothek beim Ausleihen mit einem verführerischen Lächeln angepriesen. „It’s kind of a funny story“ – so der Titel. Ein depressiver Junge kurz vor dem Selbstmord in der Klapse. Die Gemeinschaft der Irren, der Verrückten verschiedenen Alters. Wie sie sich gegenseitig helfen und die Lebensfreude wiedergewinnen, vor allem die Fähigkeit, zu HANDELN. Denn das schlimmste sind bekanntlich die Ohnmachtsgefühle, das Gefühl, dass man NICHTS TUN kann. Wie erobert man sich die Handlungsfähigkeit zurück. Wie schafft man es, der Regisseur in seinem eigenen Lebensfilm zu sein. Wie sehr es hilft, das Leid der Anderen mitzuerleben, ihnen zu helfen, ein Teil einer Gruppe von Gleichgesinnten zu sein. Zum Schluss eine erfrischende Vision des Sechzehnjährigen darüber, was im Leben Spaß machen könnte, ein bunter Ausbruch der Kreativität.

Damit endet der Film. Er zeigt nicht mehr die Realitätsprüfung, die berühmte, schmerzhafte Konfrontation mit der harten Wirklichkeit. Was tun, um draußen “nicht wieder durchzudrehen”, wie setzt man Ideen aus der geistigen Welt in die Tat um, in der widerständigen, widerborstigen Welt der Materie…? Für mich ist DAS die größte Herausforderung. Geduld, Fleiß und ein wenig Demut sind gefragt, wenn man großartige Ideen jeden Tag, Stück für Stück in die Tat umsetzen möchte. Erstmal muss man vielleicht nur den Garten umgraben, die Grundlagen legen und „kleine Brötchen backen“. Ein schöner deutscher Ausdruck.

Übrigens bäckt V.-s toller Bäcker im Prenzelberg jetzt auch ganz kleine Brötchen und wir sind ganz schön sauer. Doch manchmal muss man erst, wie dieser Bäcker, bescheidener werden, einfach nur seine Arbeit (wenn auch mit bescheidenen Mitteln) tun, um sich dann langsam auszubreiten. In diesem Sinne hoffe ich, dass die Brötchen (die wenigen, die noch nach allen Regeln der Kunst vom Bäcker persönlich gebacken werden) wieder größer werden.

Ich mag Filme über Irre, über Leute mitten im Umbruch, unkonventionelle, „verrückte“ Schrifsteller und Professoren. Warum denn wohl. Schade, dass Frauen eher selten Protagonistinnen sind. Doch wie gesagt: Dann werden wir doch Protagonistinnen in unserem eigenen Film.

Das ist schon der dritte Film, den ich mir mit Ju anschaue. Vor zwei Tagen: „Eat, pray and love“ – man könnte meinen, total kitschig. Diese New-Age-Religiosität. Aber ich lache nicht über Filme, die von Frauen mittleren Alters (weiße amerikanische Mittelschicht) auf spiritueller Suche berichten. Eben weil es sich da so furchtbar leicht und billig darüber spotten lässt. Da muss wohl was Faules sein an diesem Spott. Ja, ja, ich weiß, diese Frauen können sich spirituelle Suche leisten, sie haben Geld. Aber darum geht es gar nicht.

Ein schöner Satz aus dem Film: Eine Explosion im Kopf, eine göttliche Explosion findet statt nachdem man den Kopf vollkommen geleert, sich ins Ungewisse gestürzt hat, keine Angst hat vor dem Nichts (wie die mythische chinesiche Kaiserin Wu Zhao). Auch in diesem Film geht es darum, den Arsch zu bewegen, zum Beispiel zur Meditation in frühen Morgenstunden. Auch in diesem Film helfen sich leidende, suchende Menschen gegenseitig – diesmal in einem indischen Tempel. Das Kitschige interessiert mich nicht, ich nehme mir von jedem dieser Filme einfach das, was ICH brauche.

Dann war da noch die gute alte amerikanische Komödie, Teil drei: „Meine Frau, unsere Kinder und ich“. Patriarchalische Spielchen der Männer. Männer die sich gegenseitig fertig machen im Kampf um imaginäre Macht um die Vorrangstellung in der Familie. Frauen, die darüber nur müde lächeln können. Eine Frau, gespielt von Barbra Streisand, die Ruhe, Gelassenheit und Humor bewahrt als ihr Mann (in den besten Jahren) auf der Suche nach sich selbst ist und lange wegbleibt. Barbra bleibt Barbra. In dieser Zeit lebt sie ihr Leben leben und kann noch andere trösten. Endlich ein weibliches Vorbild.

„CDN“, also Fortsetzung folgt, wie sich das meine treue Leserin und Ex-Studentin Magdalena Liskowski gewünscht hat. Ehre sei ihr und Ruhm.

 

 

Jongliershow in der Martinova Bouda und andere High-Lights im Riesengebirge

-  Ich Flachlandindianer und Meerjungfrau seit vorgestern im Riesengebirge.

- Vorgestern eine wunderschöne Fahrt von Berlin über Polen nach Tschechien, teilweise vor sich hinbröselnd über die polnische, sehr holprige Autobahn, mitunter nur mit Tempo 50 befahrbar. Doch mir passt das ganz gut, ich mag gar nicht schneller fahren. Energiegeladene Musik unterwegs. Unter anderem deutsche Wanderlieder aus den 30-ern (Heinz Rühmann u.a.) Deutsche und ihr zackiges Wandern. „Wozu sind die Straßen da? Zum Marschieren, zum Marschieren in die weite Welt!“ Na ja. Mittagessen auf dem Markt in Bolesławiec (Bunzlau). Alle gehen dort alles sehr ruhig an. Kein Mensch sieht gestresst aus. Warum nur um Gottes Willen heißen „pierogi ruskie“ hier „pierogi mediolańskie“?

- Gestern eine Riesenwanderung bei Wind und Wetter, im Nebel, duch steinige Berglandschaften. Schluchten und Abgründe zum Anfassen nah. Ich habe zwar nachts schon Albträume davon gehabt, was ich alles werde leisten müssen, die Realität übertrifft jedoch bei weitem meine Befürchtungen.

- Schöne tschechische „Bauden“. Ihre Gemütlichkeit und Wärme. Wildschweinfelle an der Wand (dazu habe ich ein ambivalentes Verhältnis). Ein 100-Jahre alter Kachelofen mit nachträglich eingravierten olympischen Ringen von 1936 steht auch drin. Ein ganz besonderer Kellner mit Schnurrbart und nach hinten gegeltem Haar über dem strahlend weißen Kragen in der Martinova-Bouda. Gute alte Schule, heute leider fast schon ausgestorben. Er wirft nur einen Blick auf den Gast und weiß alles über ihn. Spricht Polnisch mit mir. Ich sage velky (tmavy Krkonoš /dunkles Rübezahlbier), er sagt dužy, als ob er sich mit mir zanken würde. Ich sage čaj, er sagt herbata, ich sage polevka, er sagt zupka, und so weiter. Das ist mir einer. Lächelt verschmitzt. Dann jongliert er für uns mit Schnaps- und Biergläsern. Ein richtiger Clown. V. war schon oft in dieser Kneipe, aber bisher nur mit Männern. So etwas würde man aber nur erleben, wenn man mit einer netten Frau unterwegs ist, meint er. Wir fühlen uns geehrt, da der Kellner nur uns diese Ehre erweist. V. sieht plötzlich an sich herunter und stellt erstaunt fest: Mensch, das ist ein Ding, ich habe heute Spendierhosen an. (Er spinnt, es handelt sich um eine ganz gewöhnliche, bunt karierte, im China-Laden erworbene Tschechien-Wanderhose). Nichtsdestotrotz gibt V. dem Kellner ein korrektes Trinkgeld.

- Ja, das gefällt mir, wenn Männer – wie der tschechische Kellner - vor den Frauen ihre Künste ausbreiten, um sich zu qualifizieren. Und wir Frauen schauen einfach zu, was sie so zu bieten haben, um dann zu entscheiden, welcher der Beste ist. Ich esse „česnekovou polevku“ (Knoblauch-Suppe), V. „smaženy syr” - mit “tatarskou omačkou“  versteht sich. Und die Musik dazu: Ivan Mladek Illegal Band (der von „Jožin z Bažin, lässt hier aber richtig die Sau raus).

- Die polnische Baude, die wir gestern besucht haben (Reifträgerbaude/Szrenica) hat eher einen Kantinecharakter, andere polnische Bauden auch, es sind halt eher Jugendherbergen, sind aus einer anderen Tradition hervorgegangen. Dafür aber gibt es hier wunderbare Eierkuchen - „naleśniki ze śmietaną i jagodami“ – ein kulinarischer Höhepunkt. Meine Haare sind völlig zerzaust, ich sehe vielleicht aus. Im Nu ist meine ganze, heute morgen so sorgfältig zurechtgedrückte Frisur dahin. V. meint, in meinem jugendlichen Leichtsinn wäre es mir früh morgens noch wichtig gewesen, mich zu schminken und farblich aufeinander abgestimmte Wanderkleidung zusammenzusuchen. Im Laufe der Wanderung würde sich dann schon zeigen, wie vergeblich oder gar abwegig diese Bemühungen gewesen seien. Es gilt auch hier: Wo er Recht hat, hat er Recht. Anfangs schämte ich mich, mir an der Schneegrubenbaude ein „Babuška“-Tuch um die Ohren zu wickeln, es war mir vor anderen Wanderern peinlich. Doch der kalte fauchende Wind ließ mich jede Peinlichkeit vergessen.

- Wir sehen anders aus als alle anderen, sagt V. Oder wir bauen bloß so einen Mythos auf, dass wir anders sind, das hätten wir nämlich gern. 

- V. sieht sich kurz um, ob keiner da ist und springt flugs in die kalte Elbquelle, die wie ein Taufbecken aussieht. Das ist wohl auch V.-s heidnische Taufe, die ihm Kraft und Mut für den Rest des Lebens verleihen soll. Kommt sich vor, als würde er wie Siegfried im Drachenblut baden. (Doch anders als bei Siegfried trübt kein Grashalm das Vergnügen.) Ich fotografiere und lache mich kaputt dabei. V. lacht zwar auch, aber für ihn ist das wirklich ein heiliger Ort, was ich nicht zu begreifen scheine. „Das merke ich doch“, sagt er jetzt, wo ich ihm das vorlese, „dass du gar keinen Bezug dazu hast“. Dabei muss man seiner Meinung erschauern, wenn man schon das Wort „Elbe“ hört. Ich würde lapidar darüber hinweggehen, beschwert er sich. „Ja, Elbquelle, unwichtig, habe mich kaputt gelacht. Ein Spaß gewesen“, äfft er mich nach. Dabei stand hier in den zwanziger Jahren an der gleichen stelle seine Oma mit ihrer Schulklasse, vor über 80 Jahren. Er hat ein Foto davon, leider vergessen mitzunehmen.

- Und da ich über seine Taufe so gelacht habe, macht er heute Faxen in einer kleinen Kapelle. Versucht sich erst als Glöckner von Spindlermühl, und dann in der Priesterrolle (mit seinem Rübezahlstock, den er sich heute unterwegs geschlagen hat). Plötzlich wird er sich aber der Bedeutung dieses Ortes bewusst und kann die adäquaten Worte (wo er mich doch sonst pausenlos zusappelt) nicht mehr finden.

- Es regnet tierisch. Doch wenn wir wollen, dass es aufhört zu regnen, brauchen wir nur unsere Regenumhänge überzustülpen, dann hört es schlagartig auf. Stecken wir die Umhänge wieder in die Rücksäcke, geht es automatisch wieder los. Da neckt uns wohl der gute alte Rübezahl wieder. Er muss uns wohl mögen, begleitet uns fast die ganze Zeit in Gestalt eines zwitschernden Vögelchens. Er lässt die Landschaft im dichten Nebel verschwinden und uns dann auf einmal unerwartet in seiner ganzen Pracht in die Augen springen, lässt Wanderer urplötzlich aus dem Nebel auftauchen, um uns Schrecken einzujagen, uns einzuschüchtern usw.

- Schritt für Schritt schrubben wir 20 Kilometer ab. Binsenweisheit, aber diesmal am eigenen Körper erlebt: Mit kleinen Schritten kann man Riesenentfernungen zurücklegen, weit entfernte Ziele erreichen. Man muss nur Schritt für Schritt weitergehen.

- Wir klettern über Stock und Stein, begrüßen andere Wanderer, jeder grüßt in seiner eigenen Sprache, Tschechisch, Polnisch, Deutsch oder vielmehr Sächsisch (hellou). Beim Besteigen einer der zahlreichen Felsformationen erfasst eine Windböe mein Basecap und lässt es im hohen Bogen 100 Meter durch die Luft flattern. Ich habe die Mütze gedanklich schon aufgegeben, und dabei war es eins von den vom Wanderleiter gestellten Objekte, die zu meiner Ausrüstung gehörten und auf die ich acht geben sollte. Zum Glück hat V. die Flugbahn genau verfolgt und den Landeplatz im Gestrüpp ausfindig machen können.

- Diese neblige, geheimnisvolle Landschaft hat es in sich. V. zeigt mir abgestorbene Bäume, Wiesen mit wunderschönen weißen Blumen, erzählt von den Zwergkiefern, die jetzt teilweise ausgerottet werden, da sie alles hier überwuchern. Erklärt mir die Überlegenheit des Aldi-Fahrrad-Regenumhangs über den gewöhnlichen Regenmantel. Spielt den Gruppenleiter und den Schlaumeier. Zwischendurch müssen wir uns mehrmals in die Büsche schlagen, na klar.

- V. versucht den Nebel filmisch festzuhalten, er ist ein Kamera-Junkie. Fotografiert schöne Blechschilder, die zu den einzelnen Bauden führen. Ist in seinem Element. Kurz vor dem Anbruch der Dunkelheit, mir ist schon ein wenig unheimlich, taucht aus dem Nichts unsere Pension auf.

- Heute früh taucht wiederum V. aus dem nebligen Bad mit einer neuen frechen Frisur auf: Wow, ein angedeuteter, angegrauter Irokese. Irgendwie schräg. Beim Frühstück gibt es kaum freie Plätze, Massen von deutschen Urlaubern sind hier, vor allem Sachsen, die auch an der Rezeption Sächsisch sprechen und sich nichts draus machen. Ein Paar Leute aus Polen gibt es auch, diese machen schon beim Frühstück Witze und lachen laut, sie warten damit nicht bis zum Abend, bis zur Biergeselligkeit.

- Deutsche Frauen an der Rezeption: erledigen alles auch für ihre Männer. Ja, Frauen werden mit dem Alter männlicher, Männer geben (manchmal) das Zepter ab und machen schlapp. Die Geschlechter werden einander ähnlicher.

- Heute wandere ich nicht mit. Tut alles ein wenig weh, bleibe im Zimmer, ich würde vor mich hin schwächeln, meint Joseph K., die Tür zum Südbalkon ist geöffnet, ich will schreiben, außerdem das Zimmer und die Aussicht genießen.

- Ich schreibe während V. ein Schrifsteller-Haus besucht, er macht eine Gerhard-Hauptmann-Tour (Agnetendorf). Nach 30 Minuten Regen quietscht das Wasser in seinen Schuhen. Jetzt liegt er erschöpft auf dem Bett und spielt Maultrommel, er hat das von Janosik gelernt, einem Helden seiner Kindheit.

- V. diktiert mir zu viel davon, was ich schreiben soll. Dann sage ich: Schreib doch selber deinen Blog. Schreib ruhig auch über mich, was du zu sagen und zu meckern hast, zum Beispiel:

G. hat untewegs getänzelt.

G. hat keinen Bezug zur Elbquelle.

G. hat heute geschwächelt.

G. hat Toilettenpapier ausgehen lassen und wollte nicht gleich neues an der Rezeption holen.

G. hat die Fußmatte vor der Dusche nicht trocknen lassen und sie ist jetzt nass.

G. hat nach der Wanderung eine rosige, frische Hautfarbe gekriegt.

 

Wir sind ein Team.

Jedenfalls ein weiterer Mythos, an dem wir fleißig arbeiten.


Tage des Meeres in Stettin. Corvus Corax - Konzert

Freitag und Samstag „Tage des Meeres“ in Stettin – wir haben das Volksfest am Hafen zufällig erwischt. Freitag Abend ein Konzert im Freien – Mittelaltermusik am östlichen Ufer der Oder. Bevor es losgeht legen wir den Grundstein für den Erfolg: V. nimmt ein Bier, ich ein Bier mit Himbeersaft, eine polnische Damenspezialiät. V. verzieht verächtlich das Gesicht: „Schwuchtelbier“. Er kann es einfach nicht lassen. Leider darf Bier nur im Zelt getrunken werden, wir dürfen es nicht mit vor die Bühne nehmen wie es in Berlin üblich ist. Hier werden wir mit unserem alkoholischem Getränk durch eine Absperrung gefangen gehalten. Nette, schwarz gekleidete Jungs achten darauf, dass wir nicht rauskommen, offenbar hat man  hier Angst vor den Trinkenden, sie könnten zur Bedrohung werden. Daran erkennt man Kulturen mit Alkoholproblem. Auch in der Uni Stettin ist das Trinken nicht erlaubt, selbst nach einer erfolgreichen Verteidigung der Doktorarbeit gibt es höchstens Kaffee. In Deutschland fließt der Sekt zu Geburtstagen in Strömen. Wenigstes bei den Slavisten an der Humboldt-Universität ist es so. Mit Rotkäppchen wird dort nicht geknausert. Es hat noch Hochkonjunktur wie zu guten alten DDR-Zeiten.

Es singt die Berliner Gruppe Corvus Corax. Feierliche Gewänder der Sänger, ihr priesterliches Gehabe, mittelalterliche Instrumente, Dudelsäcke, Riesentrommeln und anderes, was ich nicht identifizieren kann. Geheimnisvoll-metaphysisch, rituell, wie eine heidnische Messe. Düstere Gesänge. Ich stelle mir vor, welchen Spaß es machen muss, sich als Musiker so für ein Konzert zu verkleiden, für ein paar Stunden in die Rolle des Zauberers und Schamanen zu schöpfen und die Masse zu beschwören. Ich versuche, die Trance zuzulassen. Wofür war, wofür ist diese Musik gut, in welchem Lebensgefühl liegen ihre Ursprünge? Sich in den  Pulsschlag des Lebens einzugliedern, den Naturrhytmen, den unabänderlichen Gesetzen des Lebens zu beugen? Freude wie Schmerz zu akzeptieren, den Tod anzunehmen, der an jeder Ecke lauert?

Nur wenige besuchen dieses Konzert. Die Hakenterasse ist zwar voll von jungen Leuten, doch die meisten interessieren sich nur für das bunte Treiben auf dem Rummel. Vor der Bühne stehen und schaukeln sich sanft vielleicht nur so 100 Leute. Ganz vorne einige rabenschwarz angezogene Fans der Gruppe aus Berlin, die richtig mitgehen und den anderen zeigen, wo es lang geht. Lange Haare haben die dürren, großen Jungs, ihre Bewegungen sind mutig, auffällig, aber etwas scharf und kantig. Knochig. Skelettentanz. Gleich geht’s los, sagt V., gleich fangen sie an, die Matte zu schmeißen, so wie es die Ossis immer gemacht haben. Und es geht in der Tat los, die langen Männermähnen werden geschüttelt und gerüttelt nach allen Regeln der Kunst. Junge Mädchen räkeln sich im Tanz, reiben fast aneinander. Ja, der Tod kann auch schön sein, ein sinnliches Erlebnis.

Wir tanzen direkt hinter den Härtesten. Versuche, mich wie im Karneval zu fühlen, stelle mir vor, ich hätte eine Maske auf und keiner würde mich erkennen. Denn wenn man mit V. tanzen geht, gibt es keinen Halt und kein Zurück. Man muss aufs Ganze gehen, auch wenn man blöderweise eine spießige Damentasche dabei hat und sowieso nicht mehr zwanzig ist. In der DDR war ja die Musik DAS Ventil, DIE Eintrittskarte in eine nicht reglementierte Welt.

Lichtflimmernde Staubwolken steigen zum Himmel auf. Plötzlich fangen die jungen Leute vor uns an sich gegenseitig zu schubsen und miteinander zu raufen. Es bildet sich ein gespenstischer Kampfkreis wie zu Anbetung von unbekannten Göttern. Was jedoch anfangs wie Aggression aussieht, entpuppt sich als ein Spiel. Beim Raufen berührt man sich, kommt sich auf eine schroffe und unsentimentale Art näher ohne sich zu nahe zu kommen. Man zieht sich an und stößt sich wieder ab.

Mache gleich einen Schritt nach hinten, will nicht in den Strudel hineingeraten, das wäre mir dann doch zu viel. Blicke um mich herum und entdecke in der Ecke eine Frau zwischen 60 und 70, die ganz kräftig mitsingt, vielleicht eine Oma von einem der Musiker. Bei ihr fühle ich mich geborgen. Sie macht sich nichts aus ihrem Alter.

Als wir am Abend bei Inga ankommen sind unsere Schuhe völlig verstaubt. „Wer nicht angesaut nach Hause kommt,ist nicht dabei gewesen“,  entschuldigt sich V.

Samstagmorgen. Frühstück bei Inga auf der Terasse. Es ist sonnig, es gibt gutes Essen, saftige Kirschen, Erdbeeren, aromatischen Wiener Kaffee und eine lockere Unterhaltung. Purer Genuss. Es fällt schwer, sich vom Tisch zu erheben und zur Stettin-Eroberung aufzumachen. Wir verbringen den zweiten Stettin-Tag in der Altstadt, essen an der Hakenterasse mit herrlichem Blick auf die Schiffe. Bewundern den Hafen. V. hat eine Schwäche für Häfen, genauso wie er eine Schwäche für Schleusen hat. Wir sitzen einfach da und schauen zu. Nur das Fotografieren können wir nicht lassen. V. fotografiert junge russische Matrosen auf einem riesigen Segelschiff - wie sie vorne am Bug sitzen und mit ihren Notbooks rumhantieren, um den virtuellen Wind in die Segel zu kriegen.

Das einzige, was stört – laute Musik in den Hafencafes. Man kann die Ruhe, die Atmosphäre, das Wasser nicht genießen. Selbst als das Orchester am Ufer zu spielen beginnt, machen Sie ihre Musik nicht aus. Nichts gegen Eminem, ich mag ihn, aber hier passt es einfach nicht hin.

An Marktständen wird Diverses verkauft. Gerne würden wir, wie viele andere Besucher auch, die Brotbrause, kwas chlebowy, besorgen, eine ostpolnische Spezialität. Sie ist jedoch den Litauern ausgegangen – eine allgemeine Enttäuschung.

Wir kaufen noch schnell bei Biedronka ein und anderthalb Stunden später sitzen wir schon auf dem Balkon im Prenzlauer Berg. Es ist eben nur ein Katzensprung.

 

 

Was ist Nähe

Wirkliche Nähe ist nicht dramatisch, ist nicht spektakulär. Schwankt nicht zwischen extremen Höhen und Tiefen, zwischen Idealisierung und Entwertung, Vergötterung und Verdammung. Wirkliche Nähe ist kein Theater, in dem wir immer aufs Neue unsere Kindheit reinszenieren oder ihr zu entfliehen versuchen. Sie ist eher ein ruhigeres Gewässer, ein leises Plätschern, ein Schweben. Manchmal wirds auch holprig.

Wir dürfen Fehler machen.

Es ist nicht immer gut.

Und es ist gut so.

Manche haben große Angst vor dieser Nähe (meist wurde es ihnen verwehrt, in der Kindheit Nähe und Beziehung als etwas Positives und nicht extrem Bedrohliches zu erleben). Davon erzählt u.a. Rozewiczs Theaterstück “Die Falle” (Der Fall Franz Kafka).

Es wäre gut, zu lernen, einander nahe zu sein und gleichzeitig frei zu bleiben und sich selbst zu bestimmen. Freiheit IN der Beziehung. Dann wäre Nähe keine Bedrohung mehr. Für niemanden.

Dann würde man sich nicht eingeengt fühlen, keine Enge in der Brust verspüren. Keine ANGST, keine klaustrophobischen Gefühle, keine Panik. Dann würden wir uns öffnen. Denn die Weite ist gut.

Gefühle fühlen

Wenn wir uns weigern, die Gefühle zu FÜHLEN, entwickeln wir SYMPTOME.

Es ist nur Schmerz.

Der Schmerz ist die Tür.

Er muss “nur” transformiert werden.

Black Swan, white Swan oder ein ganz normaler Mensch. Woran Frauen zerbrechen

Einige Gedanken zum Film “Black Swan”.

 

 

Kein weißer Schwan sein.

Kein schwarzer Schwan sein.

Vielleicht ein grauer Schwan.

Vielleicht eine Ente.

Im Zweifelsfall zum Schwein werden.

 

Für mich war das ein (kein besonders guter) Film über Fremdbestimmung und Unfreiheit. Versklavung  und “Vergewaltigung” durch die Mutter, die die Werte dieser Gesellschaft repräsentiert, obwohl sie selbst an ihnen zerbrach, und durch den “Chef” (patriarchale Gewalt, Missbrauch). Heldin geht an den widersprüchlichen Erwartungen unserer Gesellschaft an Frauen zugrunde. Frauen werden mit der Polarisierung des Frauenbildes (in “Heilige” und “Hure”) diszipliniert und aufeinander gehetzt. Manche gehen daran zugrunde.

Für mich ging es also hauptsächlich um Fremdbestimmung - Selbstbestimmung.

Für andere, für junge Mädchen und Menschen war das u.a. ein Film über:

Kontrolle  - Loslassen

Zwang zur Perfektion - Mut zum Unperfekten

Emotionalität - Rationalität.

 

Das kann natürlich auch allgemeinmenschlich gelesen werden, es gilt nicht nur für Frauen. Übertriebene Kontrolle lähmt. Perfekt sein wollen führt zum Totsein.

Jeder findet in künstlerischen Werken bekanntlich vor allem das, was ihn selbst bewegt.

 

Muttertag in Polen

Vorgestern Muttertag in Polen. Der allgemeine Wahn. Als ob die Gesellschaft ein ganz schlechtes Gewissen den Müttern gegenüber hätte und ein Ausgleich dringend notwendig wäre. Den Vätern gegenüber haben wir kein schlechtes Gewissen. Wie Sie sicher wissen, muss der Vater auch nicht heilig sein, die Mutter aber schon.  Sie ist heilig, auch wenn sie nicht heilig ist. Deshalb gibt es diese bösen Witze über die Schwiegermutter und Märchen über die böse Stiefmutter. Denn irgendwo müssen auch unsere negativen Emotionen in Bezug auf das Mütterliche hin. Bei Schwiegermutter und Stiefmutter sind sie gut untergebracht, dort kann ihnen nichts passieren. Der Vater braucht weder heilig sein, noch in den Witzen über den Schwiegervater fertig gemacht werden. Er braucht auch keinen Vatertag, und wenn – wie in Deutschland – dann für ganz andere Zwecke.

Schlangen in den Stettiner Blumenläden. Eine Blumenhändlerin will mir einen Strauß für 40 Zloty machen, es dauert ewig, ich werde wahnsinnig, hab zu tun, und dann heißt es noch: Ach, leider sehe ich gerade, es werden doch 55 zloty sein. Ich bin sauer, habe aber keine Zeit zu kämpfen. Wir einigen uns auf 50 zloty. Ein fauler Kompromiss meinerseits.

Großzügigkeit

Je größer man wird, desto großzügiger wird man auch.

Dann gibt es keinen Neid mehr.

Wir geben großzügig und empfangen noch mehr.

Wir gönnen es den Anderen, ebenfalls groß zu werden.

Unsere Schüler werden vielleicht größer sein als wir.

Das ist okay.

Alles auf dem Weg. Paddelparadiese mit kurzen Aussetzern

Zuerst war die tabellarische Packliste, die Werter sorgfältig vorbereitet hat, die er seit Jahren für seine Paddelausflüge benutzt und durch leidvolle Erfahrungen perfektioniert hat. (Die Liste wird beigefügt. ) “Soll ich ein Buch mitnehmen? “, fragte ich ihn vor dem Ausflug. Er schaute mich vorwurfsvoll an: “Ist etwa auf der Packliste irgendwo die Position BUCH zu sehen?”

Ein Paddelwochenende also in Mecklenburg-Vorpommern. Mücken begrüßen uns am Ufer eines Sees, an dem wir Freitag Abend ankommen. Kleine, zierliche, fliegende Tierchen, die es darauf abgesehen haben, uns Blut auszusaugen. Völlig in Ordnung. Sie schwirren um uns herum, immer pärchenweise und mit sich beschäftigt. Sie stechen nicht. Oder sie stechen und wir merken es nicht. W. schießt uns ein Foto mit Selbstauslöser. Auf frischer Tat ertappt. Wie wir verstohlen, verschwörerisch und ein wenig beschämt ins Objektiv lachen.

Übernachtung in einem winzigen Kämmerlein ohne Bettwäsche, dafür mit einer kleinen Spinne, um die sich W. kümmert, aber nicht brutal, darauf lege ich wert.  Am nächsten Morgen erstmal kalte Dusche, denn wir haben kein Kleingeld, um warmes Wasser zu bezahlen und es wird überall gespart. Das nervt etwas, aber gut, dann sind wir heute eben ausnahmsweise keine Warmduscher. Frühstück in der Kanumühle. Die Wirtin und alle dort kennen W. schon gut, begrüßen ihn wie einen alten Bekannten, wie einen alten Hasen, der er auch zu sein scheint. Er seinerseits wertet die Hamburger (Außenalster) aus, die am Nebentisch frühstücken. Sie sind sehr groß. Das ist schon mal sicher. Eine kleine Ossi-Familie ist auch da und sie teilt ihre Geburtstagstorte mit uns. Ein schöner Einstieg in den Tag.  Das Frühstück an der frischen Luft, der Kaffee, das extra für mich hart gekochte Ei. Ein Fest.

Dann transportiert uns Hartmut von der Kanumühle zum See. Erzählt uns unterwegs von seinen Männerfreuden, seiner Motorradmannschaft, mit der er durch die Dörfer saust, um sich jung zu halten.  (Das müssen Männer in seinem Alter auch tun, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. ) Wir kriegen das Boot ins Wasser, ich bin stark genug. Ich lerne ins Boot zu steigen ohne ins Wasser zu fallen. W. hat an alles gedacht, auch an Radlerhandschuhe, die ich erst verkehrt herum anziehe und es gibt wieder was zum Lachen. In der Schwimmweste sehe ich bescheuert aus, aber was soll der Quatsch. Vor dem Start springt W. noch ins Wasser – es ist kalt wies Vieh, für W. aber kein Problem. Musste schon Mitte April in Senftenberg mit ihm “anbaden”.

Verdammt schwer für mich, das Paddel richtig zu halten, nicht zu sehr in der Mitte.  Nicht einfach, im Rhytmus zu bleiben. Tonnenweise schaufele ich Wasser ins Boot. Gleich gehen wir bestimmt unter und ich bin schuld daran. Der Hase emfpiehlt: „Du musst spüren, dass du das Boot mit der Kraft deiner Muskeln bewegst. Das Paddel nicht zu tief ins Wasser tauchen, flacher bitte, flacher! Hände weiter auseinander! Richtig vorne ansetzen und bis nach hinten das Wasser kräftig schieben. Mit voller Kraft voraaaus!“

Dann paddeln wir über die Havel, durch wunderschöne, wilde Märchenlandschaften. Als wir nach dem ersten anstrengenden See mit unserem Kajak in die Havellandschaft hineinrutschen, verschlägt es mir fast den Atem. Das Schaukeln auf den Wellen, die Ruhe, das leise Plätschern des Wassers und das Gefühl, dass jemand für mich paddelt, damit ich mich für eine Weile zurücklehnen kann und einfach nur da sein darf, ist fast wie kurz wieder im Paradies, im Mutterleib zu sein. Also: Innehalten, Kraft und Energie sammeln, schweigen oder ab und zu ein Wort sagen. Es ist fast egal, was man sagt und ob man etwas sagt. Es ist klar. Wir wissen es.

Ab und zu lässt sich ein Entchenpaar an den Ufern blicken. Libellen fliegen auf uns zu, auch immer zu zweit. Ich wäre früher panisch geworden, jetzt dürfen sie auf meinen Schenkeln Vernschnaufpause machen, fast habe ich Lust, sie zu streicheln. Wenn sie mir doch zu nahe kommen, winke ich ein wenig mit der Hand. Sie fliegen weg, und es kommen neue und gehen dann wieder. Auch Gedanken an die Pflichten, an Probleme, schleichen sich ab und zu an mich heran. Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da? Und jetzt dürft ihr weiter ziehen.

Natürlich muss man ab und zu aus der Idylle heraus, auf den hohen See, wo es auch mal stürmisch wird, wo man IMMER, warum auch immer, gegen den Wind ankämpfen muss. Es passiert nicht EINMAL, dass uns der Wind in den Rücken bläst und wir fast ohne Muskelkraft vorwärts kommen. Nein, auf den Seen müssen wir uns richtig durchkämpfen. Ganz  wie im Leben. Riesige Wellen rasen uns entgegen, richten sich auf, fetzen ihre Zähne, kein Mensch in Sicht, kein Land in Sicht, nur die beruhigende oder schon mal leicht ungeduldige, motivierende Stimmer hinter mir. „Du machst es gut, wir schaffen das.“ Oder ironisch: „Kein Alibipaddeln, kein Plantschen, richtig arbeiten, aus der Schulter heraus!“ Und obwohl ich aus der Schulter heraus zu paddeln versuche wird mein rechter Daumen dick, schwillt an, wird rot, tut bei jeder Bewegung weh. Doch wie hieß es bei Coehlo? (Ja, ich lese hin und wieder was von ihm.) Der Krieger macht weiter, auch wenn es weh tut oder so ähnlich.

Die Kriegerin auch. Auch wenn sie keine Lust mehr hat, macht sie weiter, wenn sie weiß, dass sie das Richtige tut, denn die Lust kommt irgendwann von alleine zurück. So wachsen wir über unseren Schatten. „Jetzt weißt du, was es heißt, zusammen in einem Boot zu sitzen… Siehst du die Schwäne dort? Und den Graureiher, die Störche?“

Na klar. Der See liegt irgendwann hinter uns und W. bringt mich mit seiner Muskelkraft über die Havel weiter. Ich lege die Beine hoch und träume, so dass Vorbeifahrende (eigentlich nur einer, denn es ist kein Mensch da) mich beneiden. Ich habe Angst (weil es düster und einsam ist) und ich habe keine Angst. Dann darf ich auf die Lore springen, die wir holen, um Boote über ein Stück Land zu transportieren und W. schiebt  sie dann durch die Welt. Sie rollt auf den Gleisen schneller und schneller, ist kurz vor dem Entgleisen. W. wird übermütig, steigt dazu, wir sausen übers Land, werden riesig, werden schnell, atmen aus voller Brust, kriegen Wind in die Segel, haben Lust, zu singen oder den entgegeneilenden Menschen etwas Triumphierendes zuzurufen. Wir sind der König der Welt.

Und natürlich unsere Pausen mit mitgebrachtem deutsch-polnischen Kartoffelsalat. W. hat an alles gedacht, ein Bierchen, ein Säftchen, ein Brötchen, ein Käffchen und so weiter. Auch an Hanuta und an Sekt. Hat sich aber am Fuß verletzt, Blut ist zu sehen, Fliegen kommen an die Wunde, doch ein Indianer weint nicht, wir machen weiter. Als nächsten Programmpunkt gibt es Zeltplatzromantik im Hexenwäldchen. Zwei Frauen winken uns von einer Brücke: “Hallo, wir wollten sie begrüßen!” Ich mache alles zum ersten Mal. Lerne von W. das Zelt aufzubauen. Viele Papas mit kleinen Kindern machen es sich auf diesem ruhigen Zeltplatz gemütlich. Sicherlich viele nach der Trennung. Deutsche Trennungskultur. Es ist friedlich, gemeinschaftlich irgendwie. Aber wir drehen noch eine kleine Runde um den Ort. Flammkuchen essen, eine kleine Holzkirche bewundern - umwachsen von duftendem Flieder, bauschig, weiß und lila.

Am Abend lassen wir am Seesteg den Tag ausklingen, sehen ganz schön komisch und bestimmt uncool aus mit unseren Fischerhüten. Wenn man sie an den Seiten hochmacht, wird es besser. W. verwandelt sich dann in einen Cowboy, ich in eine Cowboybraut. Er kocht uns Tee vor dem Zelt, hat auch Zigarillos mitgebracht. Volles Programm. Sogar der Mond scheint hell und erleuchtet alles. Na ja, es kann nicht alles topp sein, es gibt kein Toiletttenpapier und die Sanitäranlagen lassen viel zu wünschen übrig.  Aber es geht. Und nachts kommen tausend Sterne dazu. Ich bin siebzehn Jahre alt.

Beim Frühstück kriege ich kurz doch noch eine Panickattacke wegen einer riesigen Mücke auf unserer Tasche mit Lebensmitteln. Und da W. mein Herumgefuchtel schlecht ertägt und ebenfalls eine Attacke kriegt, gehe ich erstmal um den Zeltplatz spazieren. Nach dem Frühstück machen wir ein Resümee. Die Packliste muss vervollständigt werden – es fehlen Papierservietten und Teelichter. Mehr Toiletttenpapier wäre auch nicht schlecht. Ach, und Taschenlampen auf Funktionstüchtigkeit prüfen vor dem Aufbruch. Bücher dürfen zu Hause bleiben, in der Tat.

Sonst ist alles okay. Alles auf dem Weg. Hauptsache, wir kriegen auf dem Rückweg noch irgendwo frischen Spargel fürs Abendbrot.  Die Thomy-Soße und H. warten schon auf uns in Berlin.

Das heißt zu Hause.

Falsche Propheten

Woran erkennt man einen falschen Propheten? Das habe ich heute gelernt.

(1) Falsche Propheten sind verbissen und zu ehrgeizig in dem, was sie tun.

(2) Ihnen fehlt die Leichtigkeit, das Spielerische, der Humor.

(3) Ihnen fehlt die Demut.

Künstlertreff im Schloss Krasków. Manifest. Unfall mit Warka-Strong

Vor ein paar Tagen im Schloss Krasków in Niederschlesien.

Mit L., dem Mitbegründer des Clubs der Polnischen Versager in Berlin, unser künstlerisches oder Künstler förderndes Projekt vorgestellt: „Die Schmiede der Noblisten“ (Kuźnica Noblistów). Wir wollen Nobelpreisträger produzieren und selber welche werden (metaphorisch! metaphorisch! auch wenn wir gegen einen echten Nobelpreis nichts hätten). Hier unser Manifest:

 

Schmiede der Noblisten - Förderung der tief versteckten Talente

Ein Projekt von B. H-M. und Leszek O.

(1)   In unserer Welt ist es so: Wer hat, dem wird gegeben, wer nicht hat, dem wird genommen. Die Reichen, Einflussreichen und Erfolgreichen werden belohnt, die Armen und Erfolglosen vom Pech verfolgt.

(2)   Wer nichts zu sagen hat, dem wird die Möglichkeit gegeben, was zu sagen, wer was zu sagen hat, der wird nicht gehört. Vielleicht leben wir gerade deshalb nicht in einer mehr schlechten als rechten Welt.

(3)   Wir alle träumen von einer anderen Welt. Einer Welt, in der wir nicht uns selbst anpreisen und Förderer und Anerkennung suchen müssen, sondern in der WIR gefunden und in unserer Indivitualität erkannt und anerkannt werden. Deshalb wollen WIR die Talente selbst suchen, auch sehr tief versteckte Talente (in den Nischen des gesellschaftlichen Lebens, in den Tiefen des Ichs…). Wollen Künslter fördern, die etwas bewegen könnten, wenn man sie zu Wort kommen ließe.

(4)   Denn die meisten Künstler mit Substanz (keine Schaumschläger) verfügen nicht über die Fähigkeit bzw. haben weder Zeit noch die Fähigkeit, sich selbst über Gebühr anzupreisen und bürokratischen Bewerbungsverfahren zu unterziehen.

(5)   Es wird von ihnen Unmögliches verlangt.  Mit Stipendien und Preisen werden im Endeffekt glatt gebügelte Typen bedacht, die Selbst-Management-Seminare absolviert haben oder zumindest so aussehen, sich kaum voneinander unterscheiden und Floskeln dreschen. Ihr Antrieb ist es nicht, unser Bewusstsein zu erweitern und sich auszudrücken. Ihr Antrieb ist Ruhm-, Prestige- und Geldsucht. Wir haben nichts gegen Geld und Ruhm, der schöpferische Impuls sollte aber aus anderen Regionen kommen.

(6)   Unser Künstlerprogramm sieht Folgendes vor: Spirituelle und körperliche Arbeit, Sport und Kontakt mit der Natur (Harmonie zwischen Kontemplation und Aktion) sowie ein gewisses Maß an Disziplin sollen Körper und Geist in Einklang bringen und den Künstlern helfen, aus höheren Energiequellen zu schöpfen.

(7)   Hier bekommt der K. die Möglichkeit, fern von den materiellen Sorgen aus dem Alltag komplett auszusteigen. Was dann passiert: Der K. ist auf sich selbst zurückgeworfen, kann nicht mehr durch viele äußere Aktivitäten von sich selbst abgelenkt werden, nicht mehr vor sich selbst, z.B. vor seinen Emotionen, flüchten. Er muss seinen Gespenstern ins Auge sehen, in seine Abgründe schauen. Wenn er diesem Blick standgehalten hat, werden sein Leben und seine Kunst eine andere Qualität haben.

(8)   Es wäre schön, hier solche Tugenden zu praktizieren wie: Maß halten, Verzicht, Schweigen, Bescheidenheit. Gegen die Maßlosigkeit, Geilheit und Gier unserer Welt angehen. Bei sich selbst anfangen.

(9)   Es wäre schön, wenn die K. hier schreiben würden. Es macht aber nichts, wenn sie kein Wort geschrieben haben solange sie hier daran gearbeitet haben, ein besserer Mensch zu werden.

Dazu gibt es einen netten Film von Leszek, den ich hier noch nachreiche. Hat in Krasków Furore gemacht.

http://www.youtube.com/watch?v=nl_KTwjTZAI

Es war toll in Krasków, aber ich habe keine Zeit, es zu beschreiben. Künstler und Kunst-Förderer, eine  ganz schön verrückte Gemeinde. Auch so ziemlich anarchistische Kunstvertreter wie „Lódź Kaliska“ oder „Łyżka czyli chilli“. Alles paletti, alles lustig, nur was ihre Sicht auf Frauen angeht, na ja, darüber später. L. meint, ich übertreibe. Ich wäre früher mal so ein lustiges Mädchen gewesen und hätte mich jetzt zu so einer verbissenen Feministin entwickelt.

Von den anderen Künstlern und den Gastgebern erzähle ich später. Wenn die Zeit reicht.

Eine schöne Rückfahrt - Autofahrt mit L. zurück nach Berlin. L. quatscht mich voll und gibt mir gleichzeitig eine Kopfschmerztablette nach der anderen damit ich weiter zuhören und alle Neuigkeiten aus seiner Künstler-Absteige, dem “Palast der gebrochenen Herzen” in Berlin-Schöneberg erfahren kann.
Nachdem wir die deutsche Grenze überschritten haben, sagen wir einmütig zueinander: „Na, endlich zu Hause!“. „Na ja“, ergänzt L., „es ist doch schon etwas fremd in Deutschland. Aber weniger fremd als in Polen.“ Ja, so isses für uns, die in Polen ihre Kindheit und Jugendzeit verbracht haben, aber die meiste Zeit ihres Lebens bereits in D. sind. Unterwegs pfeife ich sechs ASS-Tabletten ein, der gestrige Abend war lang, Andrzej Dudek-Dürer (eine Reinkarnation des echten Dürers) hat lange Klavierkompositionen gespielt, es gab Musik und Wein…

Komme jedenfalls nach Hause in Berlin mit tausend Koffern an und krache mir gleich eine Tüte mit mitgebrachtem Warka-Strong auf die Füsse. Treffe ein Gefäß. Das Blut will nicht aufhören zu fließen (auch wegen der ASS-Tabletten). Habe mich so aufs Bett gefreut und nu muss ich ins Krankenhaus. Überall hinterlasse ich grausige Blutspuren. Mein Körper spricht zu mir: Kleine Schritte machen, kleeeine Schritte bitte, okay? Nicht hetzen, sich nicht überschätzen. Lange sitze und liege ich im Krankenhaus bis etwas passiert. “Man hat das Personal um die Hälfte reduziert seitdem ich hier bin,” beklagt sich eine nette, müde Krankenschwester. Mehrmals fragt mich die energische junge Ärztin, Frau Müller: “Hallo, sind Sie noch bei uns?” Sie hat Angst, dass ich verblute, dass ich sterbe. Aber ich habe nicht die geringste Absicht. Ich fühle mich wohl! Es schlummert sich auf dieser Liege so schön ein, viele Leute scharwenzeln um mich herum, nähen die Wunde zu, erwägen dies und jenes. Ich bin der Nabel der Welt, nach Hause will ich gar nicht.