Archive for April, 2011

Falsche Propheten

Dienstag, April 12th, 2011

Woran erkennt man einen falschen Propheten? Das habe ich heute gelernt.

(1) Falsche Propheten sind verbissen und zu ehrgeizig in dem, was sie tun.

(2) Ihnen fehlt die Leichtigkeit, das Spielerische, der Humor.

(3) Ihnen fehlt die Demut.

Künstlertreff im Schloss Krasków. Manifest. Unfall mit Warka-Strong

Dienstag, April 12th, 2011

Vor ein paar Tagen im Schloss Krasków in Niederschlesien.

Mit L., dem Mitbegründer des Clubs der Polnischen Versager in Berlin, unser künstlerisches oder Künstler förderndes Projekt vorgestellt: „Die Schmiede der Noblisten“ (Kuźnica Noblistów). Wir wollen Nobelpreisträger produzieren und selber welche werden (metaphorisch! metaphorisch! auch wenn wir gegen einen echten Nobelpreis nichts hätten). Hier unser Manifest:

 

Schmiede der Noblisten – Förderung der tief versteckten Talente

Ein Projekt von B. H-M. und Leszek O.

(1)   In unserer Welt ist es so: Wer hat, dem wird gegeben, wer nicht hat, dem wird genommen. Die Reichen, Einflussreichen und Erfolgreichen werden belohnt, die Armen und Erfolglosen vom Pech verfolgt.

(2)   Wer nichts zu sagen hat, dem wird die Möglichkeit gegeben, was zu sagen, wer was zu sagen hat, der wird nicht gehört. Vielleicht leben wir gerade deshalb nicht in einer mehr schlechten als rechten Welt.

(3)   Wir alle träumen von einer anderen Welt. Einer Welt, in der wir nicht uns selbst anpreisen und Förderer und Anerkennung suchen müssen, sondern in der WIR gefunden und in unserer Indivitualität erkannt und anerkannt werden. Deshalb wollen WIR die Talente selbst suchen, auch sehr tief versteckte Talente (in den Nischen des gesellschaftlichen Lebens, in den Tiefen des Ichs…). Wollen Künslter fördern, die etwas bewegen könnten, wenn man sie zu Wort kommen ließe.

(4)   Denn die meisten Künstler mit Substanz (keine Schaumschläger) verfügen nicht über die Fähigkeit bzw. haben weder Zeit noch die Fähigkeit, sich selbst über Gebühr anzupreisen und bürokratischen Bewerbungsverfahren zu unterziehen.

(5)   Es wird von ihnen Unmögliches verlangt.  Mit Stipendien und Preisen werden im Endeffekt glatt gebügelte Typen bedacht, die Selbst-Management-Seminare absolviert haben oder zumindest so aussehen, sich kaum voneinander unterscheiden und Floskeln dreschen. Ihr Antrieb ist es nicht, unser Bewusstsein zu erweitern und sich auszudrücken. Ihr Antrieb ist Ruhm-, Prestige- und Geldsucht. Wir haben nichts gegen Geld und Ruhm, der schöpferische Impuls sollte aber aus anderen Regionen kommen.

(6)   Unser Künstlerprogramm sieht Folgendes vor: Spirituelle und körperliche Arbeit, Sport und Kontakt mit der Natur (Harmonie zwischen Kontemplation und Aktion) sowie ein gewisses Maß an Disziplin sollen Körper und Geist in Einklang bringen und den Künstlern helfen, aus höheren Energiequellen zu schöpfen.

(7)   Hier bekommt der K. die Möglichkeit, fern von den materiellen Sorgen aus dem Alltag komplett auszusteigen. Was dann passiert: Der K. ist auf sich selbst zurückgeworfen, kann nicht mehr durch viele äußere Aktivitäten von sich selbst abgelenkt werden, nicht mehr vor sich selbst, z.B. vor seinen Emotionen, flüchten. Er muss seinen Gespenstern ins Auge sehen, in seine Abgründe schauen. Wenn er diesem Blick standgehalten hat, werden sein Leben und seine Kunst eine andere Qualität haben.

(8)   Es wäre schön, hier solche Tugenden zu praktizieren wie: Maß halten, Verzicht, Schweigen, Bescheidenheit. Gegen die Maßlosigkeit, Geilheit und Gier unserer Welt angehen. Bei sich selbst anfangen.

(9)   Es wäre schön, wenn die K. hier schreiben würden. Es macht aber nichts, wenn sie kein Wort geschrieben haben solange sie hier daran gearbeitet haben, ein besserer Mensch zu werden.

Dazu gibt es einen netten Film von Leszek, den ich hier noch nachreiche. Hat in Krasków Furore gemacht.

Es war toll in Krasków, aber ich habe keine Zeit, es zu beschreiben. Künstler und Kunst-Förderer, eine  ganz schön verrückte Gemeinde. Auch so ziemlich anarchistische Kunstvertreter wie „Lódź Kaliska“ oder „Łyżka czyli chilli“. Alles paletti, alles lustig, nur was ihre Sicht auf Frauen angeht, na ja, darüber später. L. meint, ich übertreibe. Ich wäre früher mal so ein lustiges Mädchen gewesen und hätte mich jetzt zu so einer verbissenen Feministin entwickelt.

Von den anderen Künstlern und den Gastgebern erzähle ich später. Wenn die Zeit reicht.

Eine schöne Rückfahrt – Autofahrt mit L. zurück nach Berlin. L. quatscht mich voll und gibt mir gleichzeitig eine Kopfschmerztablette nach der anderen damit ich weiter zuhören und alle Neuigkeiten aus seiner Künstler-Absteige, dem “Palast der gebrochenen Herzen” in Berlin-Schöneberg erfahren kann.
Nachdem wir die deutsche Grenze überschritten haben, sagen wir einmütig zueinander: „Na, endlich zu Hause!“. „Na ja“, ergänzt L., „es ist doch schon etwas fremd in Deutschland. Aber weniger fremd als in Polen.“ Ja, so isses für uns, die in Polen ihre Kindheit und Jugendzeit verbracht haben, aber die meiste Zeit ihres Lebens bereits in D. sind. Unterwegs pfeife ich sechs ASS-Tabletten ein, der gestrige Abend war lang, Andrzej Dudek-Dürer (eine Reinkarnation des echten Dürers) hat lange Klavierkompositionen gespielt, es gab Musik und Wein…

Komme jedenfalls nach Hause in Berlin mit tausend Koffern an und krache mir gleich eine Tüte mit mitgebrachtem Warka-Strong auf die Füsse. Treffe ein Gefäß. Das Blut will nicht aufhören zu fließen (auch wegen der ASS-Tabletten). Habe mich so aufs Bett gefreut und nu muss ich ins Krankenhaus. Überall hinterlasse ich grausige Blutspuren. Mein Körper spricht zu mir: Kleine Schritte machen, kleeeine Schritte bitte, okay? Nicht hetzen, sich nicht überschätzen. Lange sitze und liege ich im Krankenhaus bis etwas passiert. “Man hat das Personal um die Hälfte reduziert seitdem ich hier bin,” beklagt sich eine nette, müde Krankenschwester. Mehrmals fragt mich die energische junge Ärztin, Frau Müller: “Hallo, sind Sie noch bei uns?” Sie hat Angst, dass ich verblute, dass ich sterbe. Aber ich habe nicht die geringste Absicht. Ich fühle mich wohl! Es schlummert sich auf dieser Liege so schön ein, viele Leute scharwenzeln um mich herum, nähen die Wunde zu, erwägen dies und jenes. Ich bin der Nabel der Welt, nach Hause will ich gar nicht.

Das Glück in der Jägerklause und anderswo

Dienstag, April 12th, 2011

Heute weckt mich die Sonne, der Frühling weckt mich, alles ist grün, alles treibt und singt und frohlockt. Was für eine Weite im Herzen, ein Gefühl von Freiheit und Liebe, dass man die Welt umarmen möchte. Ein richtiger Kurzurlaub letztes Wochenende. Eine ausgiebige Fahrradtour mit W. durch Pankow, Wedding, Tegel und Reinickendorf, an einem grünen Streifen und fast immer am Wasser entlang. Beim Fahhradfahren an solch wunderschönen Tagen in Berlin erschließen sich mir die Paradiese dieser Welt. Das schönste Paradieserlebnis entsteht durch die Verbindung des Natur- mir dem Kunsterleben. Glitzernde Wellen betrachten und dazu Gedichte lesen oder schreiben. Romantischer Kitsch, kann sein, doch es ist nur eine Etikette, weiter nichts.

Der Job ist: Auf die Pedale treten die Panke entlang, die Walter-Niklitz-Promenade. Unterwegs an der Wiesenstraße ein Denkmal für die Opfer des Blutmais von 1929, dann verträumte, halb wild zugewachsene, halb künstlerisch bearbeitete Hinterhöfe, die ich fotografieren muss. Berlin-Romantik- pur. Weiter am Spandauer Schiffsfahrts-Kanal, an Kleingärtenkolonien vorbei. Unterwegs viele Männer mit Vokuhilla-Schnitt (vorne kurz, hinten lang). Ein Spektakel extra für uns – Ruder-Wettbewerb. Anpeitscher laufen den Ufer entlang, feuern die Ruderer ziemlich grob an. Sie gehen W. mächtig auf den Sack. Er macht sie an: „Na, schafft Antje das wohl“?, fragt er eine junge Anpeitscherin. „Kannste nicht einfach mal die Fresse halten“?, schallt es ihm entgegen. Wir kommen an eine kleine Bucht, setzen uns ins Gras. Da spielen welche Wasserpolo auf ganz speziellen Kanus, rammeln sich an, prallen mit den Kanus aufeinander, schlagen mit ihren Paddeln den Ball, was das Zeug hält. Was es nicht alles gibt auf dieser Welt.

Unterwegs machen wir einen kleinen Abstecher. Abstecher sind eine Spezialität von deutschen Wanderern. Ganz vom Wege abkommen wollen sie nicht, auf Irrwege abgleiten sowieso nicht, aber so ein kleiner Abstecher kann nicht schaden. Ein bisschen Unordnung muss sein. So was schafft auch Hänschen klein. Dem Abstecher folgt das Einkehren. Auch eine sprachliche Köstlichkeit. Das Deutsche zergeht mir manchmal einfach auf der Zunge. Diese Sprache kann sich beileibe hören lassen. Wir wollen speisen in der Jägerklause, sind schon in Berlin-Tegel. Die Jägerklause liegt auf einem Winterlagerplatz für Boote. Die Ecke heißt wohl Saatwinkel oder so. Die Boote werden bereits geschrubbt, für den Sommer vorbereitet. Nachdem sich die stolzen Besitzer ihren Booten gewidmet haben, machen sie sich innen drin einen Gemütlichen und lassen dort Gott einen lieben Mann sein. Essen mitgebrachte Brote. Wir setzten uns auf die enge Terasse der Jägerklause neben ein anderes Pärchen. Es gibt nur Bockwurscht mit ner dürftigen Scheibe Brot. Wir sitzen vor den Booten und nehmen eine echte Erster-Mai-Parade ab. Die ganze Welt schreitet vor unseren Augen und stellt sich uns zur Schau. Flugzeuge erscheinen am Himmel, ganz ganz tief, fast zum Anfassen nah, feuern auf die Landefläche zu. „Extra für uns“, sagt W.  gerührt. Die Bockwürschte knacken wie es sich gehört. Der Mann vom Nebentisch erklärt am Handy, was er gerade macht: Wir kiecken Flugzeuge, sagt er und schmunzelt uns an. Ein Augenblick, der ewig dauern könnte. An dieser Jägerklause in Berlin-Tegel Flugzeuge kiecken. Auch Werters Wertung fällt positiv aus. Damit es nicht zu kitschig wird: Ein Hund, ein Riesenviech stört die Idylle, sabbert an unserem Tisch und an uns herum, verpiss dir, bellt ihn W., an hau ab, du Monster, schiebt er hinterher. Es ist korrekt, es geht ab.

Zumindest seelisch. Denn körperlich sind wir nicht satt geworden am Saatwinkel. Es geht weiter an einen netten Strand, dort gibt es Brezeln und unser erstes mitgebrachtes Warka-Strong-Piwo. Dann heißt es wieder, auf die Pedale treten, wir setzen unser Abenteuer fort, fahren am Ostufer des Tegeler Sees entlang bis zum Hafen Tegel. Mehr Migranten sind hier zu sehen, aber auch viele ältere Deutsche,  alle machen einen Symphatischen. Eine kunterbunte, sonnenüberflutete Promenade am Tegeler Hafen, Rentner, Musiker, Pärchen, Polen, eine Ausruferin am Schiff. Alle ganz friedlich vereint, wie auf einem Gemälde. Es ist laut, lebendig, locker. Ganz normale Leute, die gekommen sind, um die Sonne zu genießen. Weniger Getue und Gehabe, weniger Posieren, weniger Statussymbole, weniger Spannung, weniger Angst. Auf der Bank sitzen, sich von der Sonne küssen zu lassen, Wasser und Leute ankicken. Det reicht.

Der Kaffeedurst ist nicht mehr zu überspüren. Um die Ecke gibt es eine schöne Konditorei, W. war hier schon mal. Eine echte Konditorei, so was gibt es in Berlin kaum noch. Ein Kaffeehaus, in dem es noch nach Kaffee und Kuchen riecht. Wir gehen also konditorn. Fein und kultiviert machen wir das, lassen Fahrräder vor dem Haus stehen, glätten uns die Haare, kloppen den Staub von den Hosen ab, so, wir sind stubenrein und können nun eintreten.

Nach dem Kaffee-Erlebnis Weiterfahrt durch Alt-Reinickendorf. Schnell noch an einem russisch-orthodoxen Friedhof vorbeigeschaut, viele zaristische Generäle liegen hier, viele Kinder. Bunt bestückte Kindergräber. Spielzeug, Plüschtiere. Alles üppig vorhanden. Damit der Übergang in die andere Welt nicht so scharf ausfällt. Nicht so hart ist. Um die Grenze ein wenig zu verwischen. Dann noch ein anderer Friedhof, Kriegsgräber hauptsächlich deutscher Zivilisten, viele im April 45 umgekommen, auch Frauen, Kinder. Still halten, ein kurzes Gebet.

Dann setzen wir uns noch auf eine schöne Wiese, der Tag neigt sich langsam seinem süßen Ende zu. Ich krache mich richtig hin, hab das erste Mal im Leben keine Angst vor den Viechern. Mein Gott, was sind schon Viecher. Wir lassen die letzten Sonnenstrahlen auf uns wirken und schlürfen das zweite Warka-Strong. Müssen uns nochmal zur Weiterfahrt zusammenreißen. Unterwegs in Pankower Mauerpark viele jung Leute mit Jack-Wolfskin-Jacken, weiht mich unser Kiezsoziologe ein. Sie sammeln ihre sieben Sachen nach irgendeinem Konzert zusammen, packen alles in Mamas Auto, steigen ein, trinken Bionade. Berlin ist eben gar nicht so hart wie du denkst, sagt Peter Fox.

Heilig werden in Berlin-Schmargendorf, Sau rauslassen im Prenzlberg

Montag, April 4th, 2011

Es war viel los in Berlin in letzter Zeit. In Schmargendorf lebe ich eher ruhig, bringe den Müll runter, gehe in die Warmbrunner Straße zur Meditation und fühle mich in meine Chakren ein, die Energiezentren meines Körpers. Und jede Zelle leuchtet dann.  Leuchtet und kribbelt. Und mein Herz öffnet sich. Bei der Meditation mache mir Gedanken darüber, was es heißt, eine Heilige, ein Heiliger zu sein. Woran erkennt man die Heiligen? Natürlich – am Heiligenschein.  Und daran, dass sie selbst ihre Steuererklärung gerne machen. Und daran, dass sie nicht andauernd alles werten. Na ja, das ist das Ziel. Bis zu meiner Heiligsprechung kann es natürlich noch ein wenig dauern. Doch die Übung macht den Meister. Und ich mache kleine Schritte. So. All dies lerne ich in Berlin Schmargendorf. Doch ab und zu bin ich auch im Prenzlauer Berg zu Gast. Dort wird für Spaß und Kultur gesorgt. Ossi-Power ist angesagt. Dort wohnt ein berühmter Haussoziologe, Kiezsoziologe, Möchtegern-Soziologe, eine hausbackene Koryphäe, die auf quasi empirischen Wege ihre Kenntnisse über Berlin gewinnt und sie dann auswertet. Wertet. Das Werten ist sein Element. Und wieheißter wieheißter wieheißter denn nochmal? Er heißt  – Werter. Die Leiden des alten Werters an den Bewohnern von Prenzlauer Berg sind nicht zu übersehen und nicht zu übertreffen, denn er gehört zu den urwüchsigen Ureinwohnern dieses Stadtteils, den Indianern dieser Gegend, und es bringt ihn in den Wahnsinn mitzukriegen, wie barbarisch sich die Neuhinzugezogenen dort gebahren und wie selbstverständlich sie das Gebiet für sich vereinnahmen, es sich geradezu einverleiben. Das sagt der Werter. Und er führt mich an verschiedene Zauberorte, sofern ich ihn nicht gerade an andere Orte führe im Südwesten Berlins, wo er weniger gerne weilt. Er ist ein alter Pfadfinder, findet neue, nicht ausgetretene Pfade. Er ist nicht motorisiert, wozu denn auch, was für einen Weg würde er denn dann gehen? Er fährt Fahrrad.

Gypsy-Swing im Maison Courage

Montag, April 4th, 2011

Vor drei Wochen Swing-Jazz und die “Dotschy Reinhardt” mit der Hot Club Session im Maison Courage am U-Bahnhof Senefelder Platz. Es singt eine 33-Sinteza (klingt merkwürdig, wie die Synthese, den Begriff gibt es aber wirklich). Sie singt u.a. Lieder vom berüchtigten, längst verstorbenen Gitarristen aus Belgien Django Reinhardt, dem König von Gypsy-Swing, was auch immer, bin noch kein großer Kenner, werde erst ausgebildet. Janz nett, wenn auch mir zu melancholisch: Du liebst mich, eines Tages verlässt du mich. Das janze auf Englisch.  Einiges  auch auf Romanes. Gesamturteil: Angenehm, ich brauche aber mehr Power und mehr Individualität. Mir zu zart. Vielleicht liegts an der Musikrichtung – für mich gut als Gesprächshintergrund, nicht gut genug, um bei Konzerten richtig mitzugehen. Zum Schluss schenkt uns der Wirt noch ein Kräuterchen ein. Eine Bekannte von ihm spricht mich auf Polnisch an, sie selbst ist aber nicht aus Polen, sie ist aus Cottbus (Chós’ebuz). Na ja, überall gibts Sorben bei uns, sagt sie, daher ist sie im Slawischen bewandert. Und polnisch-russische Vorfahren hätte sie auch. Gern hätte ich länger mit ihr gequatscht. Mann, so offen, so normal. Sie schütteln uns lange die Hände. Der Wirt und diese Frau. Na los, küss ihr die Hand! Sagt sie zum Wirt und er schwingt sich zum Unglaublichen und tut es wirklich. Nach allen Regeln der Kunst, da kann ich nicht meckern. Zu Werter sagt sie ganz unvermittelt: Du übrigens siehst wie ein slavisches Brüderchen aus. Wir schütten das Kräuterchen rein. Nächstes Mal ohne Auto kommen, verstanden? Alles klar? Sage ich zu mir selbst, denn man muss ab und zu tatsächlich mit sich selbst sprechen. Das tut richtig gut.

In der WABE – Max Prosa und die Vorkapelle

Montag, April 4th, 2011

Ach Mann, da war noch mehr Kultur, noch mehr, und ich werde dazu angetrieben, diese zu beschreiben. Schreib und schreib und schreib, als ob die Leute nicht selber schreiben könnten, sage ich euch, Alter, eh. Immer neue Jobs für mich, kennen die Leute denn gar kein Maß? Werter scheint kultursüchtig zu sein, es muss heftig bei ihm abgehen Samstags Abends, ein komisches Krankheitsbild! Na gut, da führt mich also der Werter in die WABE, eine Kultureinrichtung noch aus DDR-Zeiten, aus bolschewistischen Zeiten, wie sie im Buche stehen. Die Wabe sieht logischerweise aus wie eine Bienen-Wabe, achteckig ist das Ding und mitten in einem schönen Park gelegen, dem Ernst-Thälmann-Park. Ja, ja, natürlich weiß ich jetzt auch, wer Ernst Thälmann ist, doch hier in diesem Blog ist kein Platz dafür, um darüber Rechenschaft abzulegen. In der Wabe singt zunächst ein Jüngling, der leider noch nicht geübt ist im Umgang mit dem Publikum, ein wenig jungfräulich und zu narzisstisch zugleich. Er wirft das Haar nach hinten, schlürft andauernd Wein, greift nervös und pretentiös immer wieder zur Flasche, greift auf sie zurück, hält sich an ihr fest, vielleicht hält er das Konzert noch durch, das wünsche ich ihm, ich bete für ihn. Und ich werte. Ich werte erbarmungslos, ich werte was das Zeug hält, und tausche meine Wertungen mit meinen Begleitern aus. Es sind: Werter und J. – ein Mann in den besten Jahren, und eine junge Frau. Doch DANN, doch DANN kommt Max Prosa, stürmt die Bühne mit seiner etwas zerzausten und verwilderten Robert-Schumann-Frisur und die Welt wird wieder schön. Fühle mich komisch, dass mir sein Gesang und Gebrüll gefällt. Er ist ganz jung, wohl um die zwanzig, und das ganze Publikum scheint nicht älter als er zu sein in der Wabe. Hie und da soll es Eltern von Musikern hier geben, vereinzelt kommen Exemplare in unserem Alter hier vor, weiht mich der Werter ein und ich nicke brav mit dem Kopf. Und weil ich so brav bin, bringt er mir höflichst ein Kristall und verbeugt sich vor mir. Ein richtiger Gentleman. Ich pfeife das Zeug ein, das gehört dazu. Obwohl ich bald eigentlich nur eins will – aufs Parkett. Werter und ich machen Anstalten zu tanzen, schaukeln zaghaft, J. sieht uns etwas skeptisch an. Werter wertet: Was soll denn dieses Publikum, Mensch, diese jungen Leute von heute, können die nicht mehr tanzen?, ist ihnen das alles peinlich?, oder können sie nicht mehr loslassen?, Mensch, wir früher im Osten. Jajaja, J. und ich wissen das schon allzu genau. Wie und warum es im Osten anders war. Wir trauen uns nicht, nach vorne zu gehen, sind zu alt, würden zu sehr auffallen, dem jungen Max die Show stehlen. Es scheint etwas punkig zu werden, Max wird laut, brüllt extatisch, es geht ab. J. sagt, ach, dieser Prosa, dieser Angeber mit seinen Priester-Gesten. Na ja, klar. Auch er wirkt narzisstisch, selbstverliebt und was weiß ich was. Doch der Unterschied ist: Mann, er kann sich das leisten. Das ist der Punkt.

Ich weiß nicht, wovon er gesungen hat. Nach einer anstrengenden Uni-Woche will ich Textwissenschaftlerin keine Texte mehr hören. Ich will nur Stimmung. Und Musik. Ich will die Welt vergessen. Den Raum. Die Zeit. Einmal kurz aufhören zu sein. Mehr brauche ich nicht. Und was er mir sagen will, sagt mir sowieso nichts. Ist nicht aus meinem Märchen. Bin zu alt dafür. Und zu Frau. An einem anderen Punkt. Er soll einfach nur er sein. Das fetzt genug.

 

 

Konzert zum 25. Geburtstag der Berliner Wabe

Montag, April 4th, 2011

Am Freitag, dem 01.04.11, wieder in der WABE. Konzert zum Geburtstag der Einrichtung und ein paar bemerkenswerte Erscheinungen. Vor allem die Bolschewistische Kurkapelle schwarz-rot 2.0. Das war richtig verrückt. Besonders gut: Eine Parodie auf den Song von Ton Steine Scherben (Kreuzberger Untergrundband aus den 70-ern) „Macht kaputt was Euch kaputt macht“ – u.a. von einem zierlichen flinken jungen Mann gesungen, wie ein richtiger Faun sah er aus. Woher so eine Mannestimme in so einem zarten Jüngling…? Und wie er dazu getänzelt hat – richtig zum Piepen, wie die Deutschen sagen. Beinahe wie Jožin z Bažin. Also: „macht kaputt was euch kaputt macht“, und dann als Echo: „Yippie Yeah, Yippie Yeah, Krawall und Remmi demmi“.

Was gab es denn da noch. A ja, Vocalpop von muSix! Das beste davon war die Parodie auf türkischen Pop. Orientalisch emotional, zu Herzen gehend, und vor allem die GESTEN, die GESTEN! Und das von einem Deutschen rübergebracht. Eine besondere Köstlichkeit.

Dann noch u.a. ein melancholisches Lied von Wenzel – „Heringsdorfer Promenade“, von der Freiheitssehnsucht der Ossis. Zu Herzen gehend. „Segel fange mir den Wind, treibe fort mein Boot, ehe wir gestorben sind, wie vor Freude tot“. Werter hält es kaum aus. Dann noch Dirk Michaelis. J. sagt – es sei kitschig. Er hat sich sehr geöffnet, das ist wahr. Unter anderem in einem romantischen Liebeslied. Er findet, die Stimmung wäre so schön kuschlig. Wir kuscheln gerade so schön, sagt er zum Publikum. Will nichts Lustiges singen. Er riskiert viel, zeigt sich, wie er ist – ein Minimum an künstlerischer Form, ein Maximum an Schutzlosigkeit. Es kommt gut an. Das Publikum ist gerührt und fühlt mit mit seinen Ossis. Michaelis, ist, glaube ich, ein wenig verbittert, ein wenig traurig. Scheinbar war die Wende seiner Karriere nicht förderlich, wenn ich das richtig verstanden habe. Selbst Wenzel macht eine Anspielung darauf, dass er nach der Wende als Nachwuchskünstler anfangen musste. Verstehe. Seine Gemeinde liebt ihn, er braucht nur einen Ton von sich zu geben, alle sind wie verzaubert. Er drückt ihre Befindlichkeit 21 Jahre nach der Wende offenbar treffend aus. Und löst den Gefühlsstau (H-J. Maaz). Für einen Augenblick.