Vor ein paar Tagen im Schloss Krasków in Niederschlesien.
Mit L., dem Mitbegründer des Clubs der Polnischen Versager in Berlin, unser künstlerisches oder Künstler förderndes Projekt vorgestellt: „Die Schmiede der Noblisten“ (Kuźnica Noblistów). Wir wollen Nobelpreisträger produzieren und selber welche werden (metaphorisch! metaphorisch! auch wenn wir gegen einen echten Nobelpreis nichts hätten). Hier unser Manifest:
Schmiede der Noblisten – Förderung der tief versteckten Talente
Ein Projekt von B. H-M. und Leszek O.
(1) In unserer Welt ist es so: Wer hat, dem wird gegeben, wer nicht hat, dem wird genommen. Die Reichen, Einflussreichen und Erfolgreichen werden belohnt, die Armen und Erfolglosen vom Pech verfolgt.
(2) Wer nichts zu sagen hat, dem wird die Möglichkeit gegeben, was zu sagen, wer was zu sagen hat, der wird nicht gehört. Vielleicht leben wir gerade deshalb nicht in einer mehr schlechten als rechten Welt.
(3) Wir alle träumen von einer anderen Welt. Einer Welt, in der wir nicht uns selbst anpreisen und Förderer und Anerkennung suchen müssen, sondern in der WIR gefunden und in unserer Indivitualität erkannt und anerkannt werden. Deshalb wollen WIR die Talente selbst suchen, auch sehr tief versteckte Talente (in den Nischen des gesellschaftlichen Lebens, in den Tiefen des Ichs…). Wollen Künslter fördern, die etwas bewegen könnten, wenn man sie zu Wort kommen ließe.
(4) Denn die meisten Künstler mit Substanz (keine Schaumschläger) verfügen nicht über die Fähigkeit bzw. haben weder Zeit noch die Fähigkeit, sich selbst über Gebühr anzupreisen und bürokratischen Bewerbungsverfahren zu unterziehen.
(5) Es wird von ihnen Unmögliches verlangt. Mit Stipendien und Preisen werden im Endeffekt glatt gebügelte Typen bedacht, die Selbst-Management-Seminare absolviert haben oder zumindest so aussehen, sich kaum voneinander unterscheiden und Floskeln dreschen. Ihr Antrieb ist es nicht, unser Bewusstsein zu erweitern und sich auszudrücken. Ihr Antrieb ist Ruhm-, Prestige- und Geldsucht. Wir haben nichts gegen Geld und Ruhm, der schöpferische Impuls sollte aber aus anderen Regionen kommen.
(6) Unser Künstlerprogramm sieht Folgendes vor: Spirituelle und körperliche Arbeit, Sport und Kontakt mit der Natur (Harmonie zwischen Kontemplation und Aktion) sowie ein gewisses Maß an Disziplin sollen Körper und Geist in Einklang bringen und den Künstlern helfen, aus höheren Energiequellen zu schöpfen.
(7) Hier bekommt der K. die Möglichkeit, fern von den materiellen Sorgen aus dem Alltag komplett auszusteigen. Was dann passiert: Der K. ist auf sich selbst zurückgeworfen, kann nicht mehr durch viele äußere Aktivitäten von sich selbst abgelenkt werden, nicht mehr vor sich selbst, z.B. vor seinen Emotionen, flüchten. Er muss seinen Gespenstern ins Auge sehen, in seine Abgründe schauen. Wenn er diesem Blick standgehalten hat, werden sein Leben und seine Kunst eine andere Qualität haben.
(8) Es wäre schön, hier solche Tugenden zu praktizieren wie: Maß halten, Verzicht, Schweigen, Bescheidenheit. Gegen die Maßlosigkeit, Geilheit und Gier unserer Welt angehen. Bei sich selbst anfangen.
(9) Es wäre schön, wenn die K. hier schreiben würden. Es macht aber nichts, wenn sie kein Wort geschrieben haben solange sie hier daran gearbeitet haben, ein besserer Mensch zu werden.
Dazu gibt es einen netten Film von Leszek, den ich hier noch nachreiche. Hat in Krasków Furore gemacht.
Es war toll in Krasków, aber ich habe keine Zeit, es zu beschreiben. Künstler und Kunst-Förderer, eine ganz schön verrückte Gemeinde. Auch so ziemlich anarchistische Kunstvertreter wie „Lódź Kaliska“ oder „Łyżka czyli chilli“. Alles paletti, alles lustig, nur was ihre Sicht auf Frauen angeht, na ja, darüber später. L. meint, ich übertreibe. Ich wäre früher mal so ein lustiges Mädchen gewesen und hätte mich jetzt zu so einer verbissenen Feministin entwickelt.
Von den anderen Künstlern und den Gastgebern erzähle ich später. Wenn die Zeit reicht.
Eine schöne Rückfahrt – Autofahrt mit L. zurück nach Berlin. L. quatscht mich voll und gibt mir gleichzeitig eine Kopfschmerztablette nach der anderen damit ich weiter zuhören und alle Neuigkeiten aus seiner Künstler-Absteige, dem “Palast der gebrochenen Herzen” in Berlin-Schöneberg erfahren kann.
Nachdem wir die deutsche Grenze überschritten haben, sagen wir einmütig zueinander: „Na, endlich zu Hause!“. „Na ja“, ergänzt L., „es ist doch schon etwas fremd in Deutschland. Aber weniger fremd als in Polen.“ Ja, so isses für uns, die in Polen ihre Kindheit und Jugendzeit verbracht haben, aber die meiste Zeit ihres Lebens bereits in D. sind. Unterwegs pfeife ich sechs ASS-Tabletten ein, der gestrige Abend war lang, Andrzej Dudek-Dürer (eine Reinkarnation des echten Dürers) hat lange Klavierkompositionen gespielt, es gab Musik und Wein…
Komme jedenfalls nach Hause in Berlin mit tausend Koffern an und krache mir gleich eine Tüte mit mitgebrachtem Warka-Strong auf die Füsse. Treffe ein Gefäß. Das Blut will nicht aufhören zu fließen (auch wegen der ASS-Tabletten). Habe mich so aufs Bett gefreut und nu muss ich ins Krankenhaus. Überall hinterlasse ich grausige Blutspuren. Mein Körper spricht zu mir: Kleine Schritte machen, kleeeine Schritte bitte, okay? Nicht hetzen, sich nicht überschätzen. Lange sitze und liege ich im Krankenhaus bis etwas passiert. “Man hat das Personal um die Hälfte reduziert seitdem ich hier bin,” beklagt sich eine nette, müde Krankenschwester. Mehrmals fragt mich die energische junge Ärztin, Frau Müller: “Hallo, sind Sie noch bei uns?” Sie hat Angst, dass ich verblute, dass ich sterbe. Aber ich habe nicht die geringste Absicht. Ich fühle mich wohl! Es schlummert sich auf dieser Liege so schön ein, viele Leute scharwenzeln um mich herum, nähen die Wunde zu, erwägen dies und jenes. Ich bin der Nabel der Welt, nach Hause will ich gar nicht.