Alles auf dem Weg. Paddelparadiese mit kurzen Aussetzern

Zuerst war die tabellarische Packliste, die Werter sorgfältig vorbereitet hat, die er seit Jahren für seine Paddelausflüge benutzt und durch leidvolle Erfahrungen perfektioniert hat. (Die Liste wird beigefügt. ) “Soll ich ein Buch mitnehmen? “, fragte ich ihn vor dem Ausflug. Er schaute mich vorwurfsvoll an: “Ist etwa auf der Packliste irgendwo die Position BUCH zu sehen?”

Ein Paddelwochenende also in Mecklenburg-Vorpommern. Mücken begrüßen uns am Ufer eines Sees, an dem wir Freitag Abend ankommen. Kleine, zierliche, fliegende Tierchen, die es darauf abgesehen haben, uns Blut auszusaugen. Völlig in Ordnung. Sie schwirren um uns herum, immer pärchenweise und mit sich beschäftigt. Sie stechen nicht. Oder sie stechen und wir merken es nicht. W. schießt uns ein Foto mit Selbstauslöser. Auf frischer Tat ertappt. Wie wir verstohlen, verschwörerisch und ein wenig beschämt ins Objektiv lachen.

Übernachtung in einem winzigen Kämmerlein ohne Bettwäsche, dafür mit einer kleinen Spinne, um die sich W. kümmert, aber nicht brutal, darauf lege ich wert.  Am nächsten Morgen erstmal kalte Dusche, denn wir haben kein Kleingeld, um warmes Wasser zu bezahlen und es wird überall gespart. Das nervt etwas, aber gut, dann sind wir heute eben ausnahmsweise keine Warmduscher. Frühstück in der Kanumühle. Die Wirtin und alle dort kennen W. schon gut, begrüßen ihn wie einen alten Bekannten, wie einen alten Hasen, der er auch zu sein scheint. Er seinerseits wertet die Hamburger (Außenalster) aus, die am Nebentisch frühstücken. Sie sind sehr groß. Das ist schon mal sicher. Eine kleine Ossi-Familie ist auch da und sie teilt ihre Geburtstagstorte mit uns. Ein schöner Einstieg in den Tag.  Das Frühstück an der frischen Luft, der Kaffee, das extra für mich hart gekochte Ei. Ein Fest.

Dann transportiert uns Hartmut von der Kanumühle zum See. Erzählt uns unterwegs von seinen Männerfreuden, seiner Motorradmannschaft, mit der er durch die Dörfer saust, um sich jung zu halten.  (Das müssen Männer in seinem Alter auch tun, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. ) Wir kriegen das Boot ins Wasser, ich bin stark genug. Ich lerne ins Boot zu steigen ohne ins Wasser zu fallen. W. hat an alles gedacht, auch an Radlerhandschuhe, die ich erst verkehrt herum anziehe und es gibt wieder was zum Lachen. In der Schwimmweste sehe ich bescheuert aus, aber was soll der Quatsch. Vor dem Start springt W. noch ins Wasser – es ist kalt wies Vieh, für W. aber kein Problem. Musste schon Mitte April in Senftenberg mit ihm “anbaden”.

Verdammt schwer für mich, das Paddel richtig zu halten, nicht zu sehr in der Mitte.  Nicht einfach, im Rhytmus zu bleiben. Tonnenweise schaufele ich Wasser ins Boot. Gleich gehen wir bestimmt unter und ich bin schuld daran. Der Hase emfpiehlt: „Du musst spüren, dass du das Boot mit der Kraft deiner Muskeln bewegst. Das Paddel nicht zu tief ins Wasser tauchen, flacher bitte, flacher! Hände weiter auseinander! Richtig vorne ansetzen und bis nach hinten das Wasser kräftig schieben. Mit voller Kraft voraaaus!“

Dann paddeln wir über die Havel, durch wunderschöne, wilde Märchenlandschaften. Als wir nach dem ersten anstrengenden See mit unserem Kajak in die Havellandschaft hineinrutschen, verschlägt es mir fast den Atem. Das Schaukeln auf den Wellen, die Ruhe, das leise Plätschern des Wassers und das Gefühl, dass jemand für mich paddelt, damit ich mich für eine Weile zurücklehnen kann und einfach nur da sein darf, ist fast wie kurz wieder im Paradies, im Mutterleib zu sein. Also: Innehalten, Kraft und Energie sammeln, schweigen oder ab und zu ein Wort sagen. Es ist fast egal, was man sagt und ob man etwas sagt. Es ist klar. Wir wissen es.

Ab und zu lässt sich ein Entchenpaar an den Ufern blicken. Libellen fliegen auf uns zu, auch immer zu zweit. Ich wäre früher panisch geworden, jetzt dürfen sie auf meinen Schenkeln Vernschnaufpause machen, fast habe ich Lust, sie zu streicheln. Wenn sie mir doch zu nahe kommen, winke ich ein wenig mit der Hand. Sie fliegen weg, und es kommen neue und gehen dann wieder. Auch Gedanken an die Pflichten, an Probleme, schleichen sich ab und zu an mich heran. Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da? Und jetzt dürft ihr weiter ziehen.

Natürlich muss man ab und zu aus der Idylle heraus, auf den hohen See, wo es auch mal stürmisch wird, wo man IMMER, warum auch immer, gegen den Wind ankämpfen muss. Es passiert nicht EINMAL, dass uns der Wind in den Rücken bläst und wir fast ohne Muskelkraft vorwärts kommen. Nein, auf den Seen müssen wir uns richtig durchkämpfen. Ganz  wie im Leben. Riesige Wellen rasen uns entgegen, richten sich auf, fetzen ihre Zähne, kein Mensch in Sicht, kein Land in Sicht, nur die beruhigende oder schon mal leicht ungeduldige, motivierende Stimmer hinter mir. „Du machst es gut, wir schaffen das.“ Oder ironisch: „Kein Alibipaddeln, kein Plantschen, richtig arbeiten, aus der Schulter heraus!“ Und obwohl ich aus der Schulter heraus zu paddeln versuche wird mein rechter Daumen dick, schwillt an, wird rot, tut bei jeder Bewegung weh. Doch wie hieß es bei Coehlo? (Ja, ich lese hin und wieder was von ihm.) Der Krieger macht weiter, auch wenn es weh tut oder so ähnlich.

Die Kriegerin auch. Auch wenn sie keine Lust mehr hat, macht sie weiter, wenn sie weiß, dass sie das Richtige tut, denn die Lust kommt irgendwann von alleine zurück. So wachsen wir über unseren Schatten. „Jetzt weißt du, was es heißt, zusammen in einem Boot zu sitzen… Siehst du die Schwäne dort? Und den Graureiher, die Störche?“

Na klar. Der See liegt irgendwann hinter uns und W. bringt mich mit seiner Muskelkraft über die Havel weiter. Ich lege die Beine hoch und träume, so dass Vorbeifahrende (eigentlich nur einer, denn es ist kein Mensch da) mich beneiden. Ich habe Angst (weil es düster und einsam ist) und ich habe keine Angst. Dann darf ich auf die Lore springen, die wir holen, um Boote über ein Stück Land zu transportieren und W. schiebt  sie dann durch die Welt. Sie rollt auf den Gleisen schneller und schneller, ist kurz vor dem Entgleisen. W. wird übermütig, steigt dazu, wir sausen übers Land, werden riesig, werden schnell, atmen aus voller Brust, kriegen Wind in die Segel, haben Lust, zu singen oder den entgegeneilenden Menschen etwas Triumphierendes zuzurufen. Wir sind der König der Welt.

Und natürlich unsere Pausen mit mitgebrachtem deutsch-polnischen Kartoffelsalat. W. hat an alles gedacht, ein Bierchen, ein Säftchen, ein Brötchen, ein Käffchen und so weiter. Auch an Hanuta und an Sekt. Hat sich aber am Fuß verletzt, Blut ist zu sehen, Fliegen kommen an die Wunde, doch ein Indianer weint nicht, wir machen weiter. Als nächsten Programmpunkt gibt es Zeltplatzromantik im Hexenwäldchen. Zwei Frauen winken uns von einer Brücke: “Hallo, wir wollten sie begrüßen!” Ich mache alles zum ersten Mal. Lerne von W. das Zelt aufzubauen. Viele Papas mit kleinen Kindern machen es sich auf diesem ruhigen Zeltplatz gemütlich. Sicherlich viele nach der Trennung. Deutsche Trennungskultur. Es ist friedlich, gemeinschaftlich irgendwie. Aber wir drehen noch eine kleine Runde um den Ort. Flammkuchen essen, eine kleine Holzkirche bewundern – umwachsen von duftendem Flieder, bauschig, weiß und lila.

Am Abend lassen wir am Seesteg den Tag ausklingen, sehen ganz schön komisch und bestimmt uncool aus mit unseren Fischerhüten. Wenn man sie an den Seiten hochmacht, wird es besser. W. verwandelt sich dann in einen Cowboy, ich in eine Cowboybraut. Er kocht uns Tee vor dem Zelt, hat auch Zigarillos mitgebracht. Volles Programm. Sogar der Mond scheint hell und erleuchtet alles. Na ja, es kann nicht alles topp sein, es gibt kein Toiletttenpapier und die Sanitäranlagen lassen viel zu wünschen übrig.  Aber es geht. Und nachts kommen tausend Sterne dazu. Ich bin siebzehn Jahre alt.

Beim Frühstück kriege ich kurz doch noch eine Panickattacke wegen einer riesigen Mücke auf unserer Tasche mit Lebensmitteln. Und da W. mein Herumgefuchtel schlecht ertägt und ebenfalls eine Attacke kriegt, gehe ich erstmal um den Zeltplatz spazieren. Nach dem Frühstück machen wir ein Resümee. Die Packliste muss vervollständigt werden – es fehlen Papierservietten und Teelichter. Mehr Toiletttenpapier wäre auch nicht schlecht. Ach, und Taschenlampen auf Funktionstüchtigkeit prüfen vor dem Aufbruch. Bücher dürfen zu Hause bleiben, in der Tat.

Sonst ist alles okay. Alles auf dem Weg. Hauptsache, wir kriegen auf dem Rückweg noch irgendwo frischen Spargel fürs Abendbrot.  Die Thomy-Soße und H. warten schon auf uns in Berlin.

Das heißt zu Hause.

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