Tage des Meeres in Stettin. Corvus Corax – Konzert

Freitag und Samstag „Tage des Meeres“ in Stettin – wir haben das Volksfest am Hafen zufällig erwischt. Freitag Abend ein Konzert im Freien – Mittelaltermusik am östlichen Ufer der Oder. Bevor es losgeht legen wir den Grundstein für den Erfolg: V. nimmt ein Bier, ich ein Bier mit Himbeersaft, eine polnische Damenspezialiät. V. verzieht verächtlich das Gesicht: „Schwuchtelbier“. Er kann es einfach nicht lassen. Leider darf Bier nur im Zelt getrunken werden, wir dürfen es nicht mit vor die Bühne nehmen wie es in Berlin üblich ist. Hier werden wir mit unserem alkoholischem Getränk durch eine Absperrung gefangen gehalten. Nette, schwarz gekleidete Jungs achten darauf, dass wir nicht rauskommen, offenbar hat man  hier Angst vor den Trinkenden, sie könnten zur Bedrohung werden. Daran erkennt man Kulturen mit Alkoholproblem. Auch in der Uni Stettin ist das Trinken nicht erlaubt, selbst nach einer erfolgreichen Verteidigung der Doktorarbeit gibt es höchstens Kaffee. In Deutschland fließt der Sekt zu Geburtstagen in Strömen. Wenigstes bei den Slavisten an der Humboldt-Universität ist es so. Mit Rotkäppchen wird dort nicht geknausert. Es hat noch Hochkonjunktur wie zu guten alten DDR-Zeiten.

Es singt die Berliner Gruppe Corvus Corax. Feierliche Gewänder der Sänger, ihr priesterliches Gehabe, mittelalterliche Instrumente, Dudelsäcke, Riesentrommeln und anderes, was ich nicht identifizieren kann. Geheimnisvoll-metaphysisch, rituell, wie eine heidnische Messe. Düstere Gesänge. Ich stelle mir vor, welchen Spaß es machen muss, sich als Musiker so für ein Konzert zu verkleiden, für ein paar Stunden in die Rolle des Zauberers und Schamanen zu schöpfen und die Masse zu beschwören. Ich versuche, die Trance zuzulassen. Wofür war, wofür ist diese Musik gut, in welchem Lebensgefühl liegen ihre Ursprünge? Sich in den  Pulsschlag des Lebens einzugliedern, den Naturrhytmen, den unabänderlichen Gesetzen des Lebens zu beugen? Freude wie Schmerz zu akzeptieren, den Tod anzunehmen, der an jeder Ecke lauert?

Nur wenige besuchen dieses Konzert. Die Hakenterasse ist zwar voll von jungen Leuten, doch die meisten interessieren sich nur für das bunte Treiben auf dem Rummel. Vor der Bühne stehen und schaukeln sich sanft vielleicht nur so 100 Leute. Ganz vorne einige rabenschwarz angezogene Fans der Gruppe aus Berlin, die richtig mitgehen und den anderen zeigen, wo es lang geht. Lange Haare haben die dürren, großen Jungs, ihre Bewegungen sind mutig, auffällig, aber etwas scharf und kantig. Knochig. Skelettentanz. Gleich geht’s los, sagt V., gleich fangen sie an, die Matte zu schmeißen, so wie es die Ossis immer gemacht haben. Und es geht in der Tat los, die langen Männermähnen werden geschüttelt und gerüttelt nach allen Regeln der Kunst. Junge Mädchen räkeln sich im Tanz, reiben fast aneinander. Ja, der Tod kann auch schön sein, ein sinnliches Erlebnis.

Wir tanzen direkt hinter den Härtesten. Versuche, mich wie im Karneval zu fühlen, stelle mir vor, ich hätte eine Maske auf und keiner würde mich erkennen. Denn wenn man mit V. tanzen geht, gibt es keinen Halt und kein Zurück. Man muss aufs Ganze gehen, auch wenn man blöderweise eine spießige Damentasche dabei hat und sowieso nicht mehr zwanzig ist. In der DDR war ja die Musik DAS Ventil, DIE Eintrittskarte in eine nicht reglementierte Welt.

Lichtflimmernde Staubwolken steigen zum Himmel auf. Plötzlich fangen die jungen Leute vor uns an sich gegenseitig zu schubsen und miteinander zu raufen. Es bildet sich ein gespenstischer Kampfkreis wie zu Anbetung von unbekannten Göttern. Was jedoch anfangs wie Aggression aussieht, entpuppt sich als ein Spiel. Beim Raufen berührt man sich, kommt sich auf eine schroffe und unsentimentale Art näher ohne sich zu nahe zu kommen. Man zieht sich an und stößt sich wieder ab.

Mache gleich einen Schritt nach hinten, will nicht in den Strudel hineingeraten, das wäre mir dann doch zu viel. Blicke um mich herum und entdecke in der Ecke eine Frau zwischen 60 und 70, die ganz kräftig mitsingt, vielleicht eine Oma von einem der Musiker. Bei ihr fühle ich mich geborgen. Sie macht sich nichts aus ihrem Alter.

Als wir am Abend bei Inga ankommen sind unsere Schuhe völlig verstaubt. „Wer nicht angesaut nach Hause kommt,ist nicht dabei gewesen“,  entschuldigt sich V.

Samstagmorgen. Frühstück bei Inga auf der Terasse. Es ist sonnig, es gibt gutes Essen, saftige Kirschen, Erdbeeren, aromatischen Wiener Kaffee und eine lockere Unterhaltung. Purer Genuss. Es fällt schwer, sich vom Tisch zu erheben und zur Stettin-Eroberung aufzumachen. Wir verbringen den zweiten Stettin-Tag in der Altstadt, essen an der Hakenterasse mit herrlichem Blick auf die Schiffe. Bewundern den Hafen. V. hat eine Schwäche für Häfen, genauso wie er eine Schwäche für Schleusen hat. Wir sitzen einfach da und schauen zu. Nur das Fotografieren können wir nicht lassen. V. fotografiert junge russische Matrosen auf einem riesigen Segelschiff – wie sie vorne am Bug sitzen und mit ihren Notbooks rumhantieren, um den virtuellen Wind in die Segel zu kriegen.

Das einzige, was stört – laute Musik in den Hafencafes. Man kann die Ruhe, die Atmosphäre, das Wasser nicht genießen. Selbst als das Orchester am Ufer zu spielen beginnt, machen Sie ihre Musik nicht aus. Nichts gegen Eminem, ich mag ihn, aber hier passt es einfach nicht hin.

An Marktständen wird Diverses verkauft. Gerne würden wir, wie viele andere Besucher auch, die Brotbrause, kwas chlebowy, besorgen, eine ostpolnische Spezialität. Sie ist jedoch den Litauern ausgegangen – eine allgemeine Enttäuschung.

Wir kaufen noch schnell bei Biedronka ein und anderthalb Stunden später sitzen wir schon auf dem Balkon im Prenzlauer Berg. Es ist eben nur ein Katzensprung.

 

 

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