Jongliershow in der Martinova Bouda und andere High-Lights im Riesengebirge

-  Ich Flachlandindianer und Meerjungfrau seit vorgestern im Riesengebirge.

- Vorgestern eine wunderschöne Fahrt von Berlin über Polen nach Tschechien, teilweise vor sich hinbröselnd über die polnische, sehr holprige Autobahn, mitunter nur mit Tempo 50 befahrbar. Doch mir passt das ganz gut, ich mag gar nicht schneller fahren. Energiegeladene Musik unterwegs. Unter anderem deutsche Wanderlieder aus den 30-ern (Heinz Rühmann u.a.) Deutsche und ihr zackiges Wandern. „Wozu sind die Straßen da? Zum Marschieren, zum Marschieren in die weite Welt!“ Na ja. Mittagessen auf dem Markt in Bolesławiec (Bunzlau). Alle gehen dort alles sehr ruhig an. Kein Mensch sieht gestresst aus. Warum nur um Gottes Willen heißen „pierogi ruskie“ hier „pierogi mediolańskie“?

- Gestern eine Riesenwanderung bei Wind und Wetter, im Nebel, duch steinige Berglandschaften. Schluchten und Abgründe zum Anfassen nah. Ich habe zwar nachts schon Albträume davon gehabt, was ich alles werde leisten müssen, die Realität übertrifft jedoch bei weitem meine Befürchtungen.

- Schöne tschechische „Bauden“. Ihre Gemütlichkeit und Wärme. Wildschweinfelle an der Wand (dazu habe ich ein ambivalentes Verhältnis). Ein 100-Jahre alter Kachelofen mit nachträglich eingravierten olympischen Ringen von 1936 steht auch drin. Ein ganz besonderer Kellner mit Schnurrbart und nach hinten gegeltem Haar über dem strahlend weißen Kragen in der Martinova-Bouda. Gute alte Schule, heute leider fast schon ausgestorben. Er wirft nur einen Blick auf den Gast und weiß alles über ihn. Spricht Polnisch mit mir. Ich sage velky (tmavy Krkonoš /dunkles Rübezahlbier), er sagt dužy, als ob er sich mit mir zanken würde. Ich sage čaj, er sagt herbata, ich sage polevka, er sagt zupka, und so weiter. Das ist mir einer. Lächelt verschmitzt. Dann jongliert er für uns mit Schnaps- und Biergläsern. Ein richtiger Clown. V. war schon oft in dieser Kneipe, aber bisher nur mit Männern. So etwas würde man aber nur erleben, wenn man mit einer netten Frau unterwegs ist, meint er. Wir fühlen uns geehrt, da der Kellner nur uns diese Ehre erweist. V. sieht plötzlich an sich herunter und stellt erstaunt fest: Mensch, das ist ein Ding, ich habe heute Spendierhosen an. (Er spinnt, es handelt sich um eine ganz gewöhnliche, bunt karierte, im China-Laden erworbene Tschechien-Wanderhose). Nichtsdestotrotz gibt V. dem Kellner ein korrektes Trinkgeld.

- Ja, das gefällt mir, wenn Männer – wie der tschechische Kellner – vor den Frauen ihre Künste ausbreiten, um sich zu qualifizieren. Und wir Frauen schauen einfach zu, was sie so zu bieten haben, um dann zu entscheiden, welcher der Beste ist. Ich esse „česnekovou polevku“ (Knoblauch-Suppe), V. „smaženy syr” – mit “tatarskou omačkou“  versteht sich. Und die Musik dazu: Ivan Mladek Illegal Band (der von „Jožin z Bažin, lässt hier aber richtig die Sau raus).

- Die polnische Baude, die wir gestern besucht haben (Reifträgerbaude/Szrenica) hat eher einen Kantinecharakter, andere polnische Bauden auch, es sind halt eher Jugendherbergen, sind aus einer anderen Tradition hervorgegangen. Dafür aber gibt es hier wunderbare Eierkuchen – „naleśniki ze śmietaną i jagodami“ – ein kulinarischer Höhepunkt. Meine Haare sind völlig zerzaust, ich sehe vielleicht aus. Im Nu ist meine ganze, heute morgen so sorgfältig zurechtgedrückte Frisur dahin. V. meint, in meinem jugendlichen Leichtsinn wäre es mir früh morgens noch wichtig gewesen, mich zu schminken und farblich aufeinander abgestimmte Wanderkleidung zusammenzusuchen. Im Laufe der Wanderung würde sich dann schon zeigen, wie vergeblich oder gar abwegig diese Bemühungen gewesen seien. Es gilt auch hier: Wo er Recht hat, hat er Recht. Anfangs schämte ich mich, mir an der Schneegrubenbaude ein „Babuška“-Tuch um die Ohren zu wickeln, es war mir vor anderen Wanderern peinlich. Doch der kalte fauchende Wind ließ mich jede Peinlichkeit vergessen.

- Wir sehen anders aus als alle anderen, sagt V. Oder wir bauen bloß so einen Mythos auf, dass wir anders sind, das hätten wir nämlich gern. 

- V. sieht sich kurz um, ob keiner da ist und springt flugs in die kalte Elbquelle, die wie ein Taufbecken aussieht. Das ist wohl auch V.-s heidnische Taufe, die ihm Kraft und Mut für den Rest des Lebens verleihen soll. Kommt sich vor, als würde er wie Siegfried im Drachenblut baden. (Doch anders als bei Siegfried trübt kein Grashalm das Vergnügen.) Ich fotografiere und lache mich kaputt dabei. V. lacht zwar auch, aber für ihn ist das wirklich ein heiliger Ort, was ich nicht zu begreifen scheine. „Das merke ich doch“, sagt er jetzt, wo ich ihm das vorlese, „dass du gar keinen Bezug dazu hast“. Dabei muss man seiner Meinung erschauern, wenn man schon das Wort „Elbe“ hört. Ich würde lapidar darüber hinweggehen, beschwert er sich. „Ja, Elbquelle, unwichtig, habe mich kaputt gelacht. Ein Spaß gewesen“, äfft er mich nach. Dabei stand hier in den zwanziger Jahren an der gleichen stelle seine Oma mit ihrer Schulklasse, vor über 80 Jahren. Er hat ein Foto davon, leider vergessen mitzunehmen.

- Und da ich über seine Taufe so gelacht habe, macht er heute Faxen in einer kleinen Kapelle. Versucht sich erst als Glöckner von Spindlermühl, und dann in der Priesterrolle (mit seinem Rübezahlstock, den er sich heute unterwegs geschlagen hat). Plötzlich wird er sich aber der Bedeutung dieses Ortes bewusst und kann die adäquaten Worte (wo er mich doch sonst pausenlos zusappelt) nicht mehr finden.

- Es regnet tierisch. Doch wenn wir wollen, dass es aufhört zu regnen, brauchen wir nur unsere Regenumhänge überzustülpen, dann hört es schlagartig auf. Stecken wir die Umhänge wieder in die Rücksäcke, geht es automatisch wieder los. Da neckt uns wohl der gute alte Rübezahl wieder. Er muss uns wohl mögen, begleitet uns fast die ganze Zeit in Gestalt eines zwitschernden Vögelchens. Er lässt die Landschaft im dichten Nebel verschwinden und uns dann auf einmal unerwartet in seiner ganzen Pracht in die Augen springen, lässt Wanderer urplötzlich aus dem Nebel auftauchen, um uns Schrecken einzujagen, uns einzuschüchtern usw.

- Schritt für Schritt schrubben wir 20 Kilometer ab. Binsenweisheit, aber diesmal am eigenen Körper erlebt: Mit kleinen Schritten kann man Riesenentfernungen zurücklegen, weit entfernte Ziele erreichen. Man muss nur Schritt für Schritt weitergehen.

- Wir klettern über Stock und Stein, begrüßen andere Wanderer, jeder grüßt in seiner eigenen Sprache, Tschechisch, Polnisch, Deutsch oder vielmehr Sächsisch (hellou). Beim Besteigen einer der zahlreichen Felsformationen erfasst eine Windböe mein Basecap und lässt es im hohen Bogen 100 Meter durch die Luft flattern. Ich habe die Mütze gedanklich schon aufgegeben, und dabei war es eins von den vom Wanderleiter gestellten Objekte, die zu meiner Ausrüstung gehörten und auf die ich acht geben sollte. Zum Glück hat V. die Flugbahn genau verfolgt und den Landeplatz im Gestrüpp ausfindig machen können.

- Diese neblige, geheimnisvolle Landschaft hat es in sich. V. zeigt mir abgestorbene Bäume, Wiesen mit wunderschönen weißen Blumen, erzählt von den Zwergkiefern, die jetzt teilweise ausgerottet werden, da sie alles hier überwuchern. Erklärt mir die Überlegenheit des Aldi-Fahrrad-Regenumhangs über den gewöhnlichen Regenmantel. Spielt den Gruppenleiter und den Schlaumeier. Zwischendurch müssen wir uns mehrmals in die Büsche schlagen, na klar.

- V. versucht den Nebel filmisch festzuhalten, er ist ein Kamera-Junkie. Fotografiert schöne Blechschilder, die zu den einzelnen Bauden führen. Ist in seinem Element. Kurz vor dem Anbruch der Dunkelheit, mir ist schon ein wenig unheimlich, taucht aus dem Nichts unsere Pension auf.

- Heute früh taucht wiederum V. aus dem nebligen Bad mit einer neuen frechen Frisur auf: Wow, ein angedeuteter, angegrauter Irokese. Irgendwie schräg. Beim Frühstück gibt es kaum freie Plätze, Massen von deutschen Urlaubern sind hier, vor allem Sachsen, die auch an der Rezeption Sächsisch sprechen und sich nichts draus machen. Ein Paar Leute aus Polen gibt es auch, diese machen schon beim Frühstück Witze und lachen laut, sie warten damit nicht bis zum Abend, bis zur Biergeselligkeit.

- Deutsche Frauen an der Rezeption: erledigen alles auch für ihre Männer. Ja, Frauen werden mit dem Alter männlicher, Männer geben (manchmal) das Zepter ab und machen schlapp. Die Geschlechter werden einander ähnlicher.

- Heute wandere ich nicht mit. Tut alles ein wenig weh, bleibe im Zimmer, ich würde vor mich hin schwächeln, meint Joseph K., die Tür zum Südbalkon ist geöffnet, ich will schreiben, außerdem das Zimmer und die Aussicht genießen.

- Ich schreibe während V. ein Schrifsteller-Haus besucht, er macht eine Gerhard-Hauptmann-Tour (Agnetendorf). Nach 30 Minuten Regen quietscht das Wasser in seinen Schuhen. Jetzt liegt er erschöpft auf dem Bett und spielt Maultrommel, er hat das von Janosik gelernt, einem Helden seiner Kindheit.

- V. diktiert mir zu viel davon, was ich schreiben soll. Dann sage ich: Schreib doch selber deinen Blog. Schreib ruhig auch über mich, was du zu sagen und zu meckern hast, zum Beispiel:

G. hat untewegs getänzelt.

G. hat keinen Bezug zur Elbquelle.

G. hat heute geschwächelt.

G. hat Toilettenpapier ausgehen lassen und wollte nicht gleich neues an der Rezeption holen.

G. hat die Fußmatte vor der Dusche nicht trocknen lassen und sie ist jetzt nass.

G. hat nach der Wanderung eine rosige, frische Hautfarbe gekriegt.

 

Wir sind ein Team.

Jedenfalls ein weiterer Mythos, an dem wir fleißig arbeiten.


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