Das ist die Zeit der Irren und Verrückten. Filmtherapie

Ich bin nicht fleißig genug. Hab lange nicht mehr geschrieben und muss jetzt vieles nachträglich berichten, an meiner Selbstkreation weiter arbeiten. Sich immer neu erschaffen (Bob Dylan soll es gesagt haben). Aufrecht bleiben. Weiter machen. Stehauffrauchen sein. Auch wenn es schwer fällt, den Arsch bewegen. Die Stimmung heben. Wenn sie einmal tief ist, meinetwegen in die Tiefe gehen, Gefühle fühlen, aber nicht für allzu lange. Dann besonders fleißig sein, seine eigene Assistentin spielen. Gefühle KREIEREN. Der Fleiß hilft dabei – eine alte gute deutsche Tugend. Die Deutschen haben uns schließlich auch was zu bieten.

Gestern einen schönen Film gegen depressive Stimmungen mit Ju gesehen. „Brand new“, hat ihn ein junger Mann in der Videothek beim Ausleihen mit einem verführerischen Lächeln angepriesen. „It’s kind of a funny story“ – so der Titel. Ein depressiver Junge kurz vor dem Selbstmord in der Klapse. Die Gemeinschaft der Irren, der Verrückten verschiedenen Alters. Wie sie sich gegenseitig helfen und die Lebensfreude wiedergewinnen, vor allem die Fähigkeit, zu HANDELN. Denn das schlimmste sind bekanntlich die Ohnmachtsgefühle, das Gefühl, dass man NICHTS TUN kann. Wie erobert man sich die Handlungsfähigkeit zurück. Wie schafft man es, der Regisseur in seinem eigenen Lebensfilm zu sein. Wie sehr es hilft, das Leid der Anderen mitzuerleben, ihnen zu helfen, ein Teil einer Gruppe von Gleichgesinnten zu sein. Zum Schluss eine erfrischende Vision des Sechzehnjährigen darüber, was im Leben Spaß machen könnte, ein bunter Ausbruch der Kreativität.

Damit endet der Film. Er zeigt nicht mehr die Realitätsprüfung, die berühmte, schmerzhafte Konfrontation mit der harten Wirklichkeit. Was tun, um draußen “nicht wieder durchzudrehen”, wie setzt man Ideen aus der geistigen Welt in die Tat um, in der widerständigen, widerborstigen Welt der Materie…? Für mich ist DAS die größte Herausforderung. Geduld, Fleiß und ein wenig Demut sind gefragt, wenn man großartige Ideen jeden Tag, Stück für Stück in die Tat umsetzen möchte. Erstmal muss man vielleicht nur den Garten umgraben, die Grundlagen legen und „kleine Brötchen backen“. Ein schöner deutscher Ausdruck.

Übrigens bäckt V.-s toller Bäcker im Prenzelberg jetzt auch ganz kleine Brötchen und wir sind ganz schön sauer. Doch manchmal muss man erst, wie dieser Bäcker, bescheidener werden, einfach nur seine Arbeit (wenn auch mit bescheidenen Mitteln) tun, um sich dann langsam auszubreiten. In diesem Sinne hoffe ich, dass die Brötchen (die wenigen, die noch nach allen Regeln der Kunst vom Bäcker persönlich gebacken werden) wieder größer werden.

Ich mag Filme über Irre, über Leute mitten im Umbruch, unkonventionelle, „verrückte“ Schrifsteller und Professoren. Warum denn wohl. Schade, dass Frauen eher selten Protagonistinnen sind. Doch wie gesagt: Dann werden wir doch Protagonistinnen in unserem eigenen Film.

Das ist schon der dritte Film, den ich mir mit Ju anschaue. Vor zwei Tagen: „Eat, pray and love“ – man könnte meinen, total kitschig. Diese New-Age-Religiosität. Aber ich lache nicht über Filme, die von Frauen mittleren Alters (weiße amerikanische Mittelschicht) auf spiritueller Suche berichten. Eben weil es sich da so furchtbar leicht und billig darüber spotten lässt. Da muss wohl was Faules sein an diesem Spott. Ja, ja, ich weiß, diese Frauen können sich spirituelle Suche leisten, sie haben Geld. Aber darum geht es gar nicht.

Ein schöner Satz aus dem Film: Eine Explosion im Kopf, eine göttliche Explosion findet statt nachdem man den Kopf vollkommen geleert, sich ins Ungewisse gestürzt hat, keine Angst hat vor dem Nichts (wie die mythische chinesiche Kaiserin Wu Zhao). Auch in diesem Film geht es darum, den Arsch zu bewegen, zum Beispiel zur Meditation in frühen Morgenstunden. Auch in diesem Film helfen sich leidende, suchende Menschen gegenseitig – diesmal in einem indischen Tempel. Das Kitschige interessiert mich nicht, ich nehme mir von jedem dieser Filme einfach das, was ICH brauche.

Dann war da noch die gute alte amerikanische Komödie, Teil drei: „Meine Frau, unsere Kinder und ich“. Patriarchalische Spielchen der Männer. Männer die sich gegenseitig fertig machen im Kampf um imaginäre Macht um die Vorrangstellung in der Familie. Frauen, die darüber nur müde lächeln können. Eine Frau, gespielt von Barbra Streisand, die Ruhe, Gelassenheit und Humor bewahrt als ihr Mann (in den besten Jahren) auf der Suche nach sich selbst ist und lange wegbleibt. Barbra bleibt Barbra. In dieser Zeit lebt sie ihr Leben leben und kann noch andere trösten. Endlich ein weibliches Vorbild.

„CDN“, also Fortsetzung folgt, wie sich das meine treue Leserin und Ex-Studentin Magdalena Liskowski gewünscht hat. Ehre sei ihr und Ruhm.

 

 

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