Berlin verlangt von uns viel. In Berlin zu leben ist eine Ehre und eine Verpflichtung. Faule Socken haben es hier schwer. (Rote Socken angeblich weniger.) Was sagt noch mal mein Idol Peter Fox? Bist Du nicht cool, wirst Du aufgefressen, kurz verdaut und vergessen oder so. Worauf haben wir uns eingelassen mit dieser STADT? Sie ist unser Gott geworden und jeden Tag beten wir sie in ihren Tempeln an, schmeißen ihr unser letztes Geld zu Füßen.
Vor einigen Wochen ein wunderbarer Abend an der Spree, tanzende Paare am „Hexenkessel Hoftheater“, an der Strandbar. Idyllisch, fein, edel, ein ruhiger, warmer Sommerabend. Wir genießen das so was von. Die Paare, die Spree, die Schiffe, die S-Bahn, den Fernsehturm. Wollen dort auch einmal tanzen, aber nicht heute. Heute haben wir Rucksäcke mit. Ein andermal, da trauen wir uns bestimmt. Beim Konzert im Hoftheater (Schlager und Zigeunermusik, gespielt u.a. von Ukrainern aus Stettin) vergibt V. den Leuten aus dem Publikum treffende Vornamen. Er identifiziert Knut und Anita, Burhkhardt und Gisela, Zbigniew und Tatjana, auch Erwin schaut vorbei. Der fünfundfünfzigjährige Knut schnappt sich ein Mädchen, geht vor die Bühne und tanzt vor dem Publikum wie besengt. Ein beeindruckender Auftritt.
Ja, Knut hat es geschafft. Die STADT wird stolz auf ihn sein. V. gefällt es, klar, er wäre selbst gern auf die Bühne gestürmt und hätte Matte geschmissen. Da er aber keinen Mut dazu findet, spottet er böse über Knut, um sich Luft zu verschaffen. Sein Therapeut, sagt er, hätte ihm dazu geraten, sich endlich was zuzutrauen, Mensch, Knut, hätte der Therapeut zu Knut gesagt, mach es einfach, geh doch einmal auf die Bühne, trau dich doch mal, „Icke und Er“ haben es schließlich auch jemacht, und es wurde geil und korrekt.
Kurz vor Mitternacht verlässt Knut jedoch den Ball. Denn um Mitternacht muss er im Bett sein, nur so viel Auszeit hat er bekommen von der Fee. Morgen früh muss er wieder auf dem Amt sein und fleißig stempeln. Kaminer schrieb mal was darüber – über das zweite, heimliche Gesicht braver Berliner Bürger. Über ihr geheimnisvolles Doppelleben.
Ebenfalls im Juli ein Wochenende mit Inga in Berlin. Ein Abend mit jüdischer Musik im „Pankow Zimmer 16“. Ein jüdischer Witz des Sängers über heiße Polinnen. Schöner, intensiver Augen- und Seelenkontakt mit den spielenden Jungs, da wir praktisch in der ersten Reihe sitzen.
Inga gefällt V. als Vertreter von Ossis („Enerdowcy“), die sich tapfer in der westlichen Welt durchschlagen und ihre Ehre verteidigen. V. haut mal wieder auf die Kacke. Er will keinen Flaschenöffner von mir, obwohl ich einen solchen vorsorglich mitgenommen habe, öffnet sein Bier mit dem Schlüssel und brüstet sich damit. Wir sind hier schließlich nicht zum Spaß, das Ossi-Männerbild ist im Spiel. Anhand dessen berichtet Inga in ihrem Blog davon, mit welcher Fassung und Würde, mit welcher Härte gegen sich selbst Ossis ihren Mann stehen, um es den Weicheiern aus dem Westen zu zeigen. Ja, den Weicheiern, so böse drücken sich die Ossis über ihre Brüder aus. (Sie sind so böse. Schon vor dem 1. Dezember öffnen sie alle Türchen im Weihnachtskalender.) Manchmal nennen sie die Westintellektuellen sogar „Schwuchteln“ und schämen sich nicht dafür. Inga hat auf Polnisch ein besseres Wort gefunden: „lalusie“.