Archive for Oktober, 2011

Deutsch-polnische Freundschaft

Montag, Oktober 24th, 2011

Gespräch mit Studenten im Rahmen der interkulturellen Kommunikation. Ich frage: “Habt Ihr eine Ahnung, warum wir einen Namen für das Stereotyp des Deutschen und der Deutschen haben (Helmut/Hans und Helga), die Deutschen aber haben keinen Namen für das Stereotyp des Polen und der Polin? Antwort eines Studenten, 20 Jahre alt: “Weil wir sie noch mehr hassen als sie uns?”

 

Studenci na komunikacji miedzykulturowej. Pytam, czemu my mamy imiona dla stereotypów Niemca i Niemki (Helmut/Hans i Helga), a Niemcy dla nas nie maja. Odpowiedź dwudziestoletniego studenta: “Bo my ich jeszcze bardziej nienawidzimy niż oni nas?”

Fliegen über Berlin. Karsten Troyke & Suzanna (Kultur), Abpaddeln auf Tegeler See (Natur)

Dienstag, Oktober 18th, 2011

Konzert im „Haus der Sinne“, Ystader Straße. Karsten Troyke & Suzanna präsentieren ihr Prgramm “Chanson total deutsch, russisch, romanes, yiddish“, am Klavier Götz Lindenberg. Vor allem die osteuropäischen Lieder bringen das Blut in Wallung. (Die anderen aber ouch.) Ein paar Zeilen bleiben hängen. „Schnucki, ach Schnucki,  geh mit mir nach Kentucky!“ Oder: „I’m crazy far she, but she’s not crazy far me.“ Ach, und die Künstler sind so gut gelaunt und ausgelassen, sie lachen, spielen, experimentieren. Haben Humor und gehen aufs Ganze. Der Funke springt rüber. Die Leichtigkeit macht es, die Selbstverständlichkeit. Wenn die Künstler Spaß bei der Sache haben, hat es das Publikum meist auch. Alles so beschwingt. Auch der Rock der Sängerin. Zum Schluss fliegt ihre Perücke durch den Raum.

Paddeln über den Tegeler See in der schönsten Oktobersonne mit W. und Yo. Direkt über uns ein Flugzeug after dem anderen. Doch wir lassen uns davon nicht beeindrucken, unsere Arme arbeiten kräftig und im Rhytmus. Lichtstrahlen spielen mit den Wellen. Wir sitzen alle in einem Boot. W. und ich spenden Muskelkraft, Yo sitzt in der Mitte, etwas reingequetscht, und steuert etwas unwillig. Doch irgendwann hat sie doch Spaß an der Sache, und dies ist einer Entdeckung geschuldet: “Mensch, ich hab die Fäden in der Hand!”. Ja, jetzt wissen wir, was das heißt. Für die Pausen gibt es Kaffee, Tee und  vor allem Glühwein (!) in Thermoskannen aus Edelstahl, dazu noch Pflaumenkuchen, alles von W. persönlich vorbereitet. Für jemütliche Pausen muss gesorgt werden, sagt W, sonst machen die Weiber nicht mit. Zum Schluss geht W. noch seiner Zwangshandlung nach: Er springt ins schweinekalte Kanalwasser, was uns zwar nicht mehr beeindruckt, aber einen Angler in Erstaunen versetzt. „Das gloubt mir keiner zu Hause“, sagt er und schüttelt mit dem Kopf.

 

“Du bist nicht allein” – sozialkritisch, aber na ja

Dienstag, Oktober 18th, 2011

Filmabend zu Haus: „Du bist nicht allein“ (deutsche Tragikomödie von Bernd Böhlich aus dem Jahr 2007) voller Anspielungen auf „Halbe Treppe“ von Andreas Dresen 2002). Sozialkritisches Kino. Plattensiedlung, Arbeitslosigkeit. Die Russen dürfen nicht fehlen, vor allem eine attraktive Russin, die den arbeitslosen Familienvater (Axel Prahl) und Ehemann verzaubert. Für sie spielt er gerne Freund und Helfer, stürzt sich in Unkosten. Und sie bewundert seine Balkonmalereien – die Ehefrau hat es nämlich nicht getan. Trotzdem – Axel Prahl ist der überzeugendste Ossi, den es gibt (obwohl er ein Wessi ist). Ansonsten verzaubert mich der Film eher nicht, auch wenn der Busen der russischen Nachbarin immer sehr betont ins rechte Licht gerückt wird, damit wir ihn nicht übersehen. Katharina Thalbach in der Rolle der alten und etwas „verbrauchten” Ehefrau – nicht so überzeugend, zu markant. Sie hat zu viele ähnliche, „proletarische“ Rollen gespielt. (In der „Sonnenallee“ war sie super.) Der Kontrast zwischen ihr und der Russin zu groß, zu plump. Jewgenia selbst zu blass. Gesamturteil:  Zu direkt, zu deutlich, dadurch zu flach geraten. Da hilft das offene Ende auch nicht mehr.

Der zweite Handlungsstrang mit einem arbeitslosen Physiker, der dem Alkohol verfallen ist und von seiner Ex-Frau nicht lassen kann – stiller, dezenter, schöner, nicht so eindeutig. Poetische Szenen, witzig-melancholisch, zu Herzen gehend. Erinnert mich an eine Erzählung von Krzysztof Niewrzęda.

 

Oktobersonne

Montag, Oktober 17th, 2011

ich bringe den müll raus, um die sonne zu sehen

Icke und die Ossis, Icke und Er, C-Rebell-um, Kulturunterschiede

Montag, Oktober 17th, 2011

Autobahn

 

(1) Autobahnfahrt im allgemeinen – lädt mit Kraft auf. Besonders wenn Eminem dazu kommt, geballte Yang-Energie. Diese kann ich immer gut gebrauchen.

(2) Nächtliche Autobahnfahrt im besonderen – gruslig. Was hilft, ist die Phantasie, dass ich als Mann sozialisiert wurde. Das heißt: Ich muss solche Herausforderungen einfach meistern und es gibt keinen, der mir das abnimmt.

Unterwegs höre U. Tellkamps „Der Turm“ – interessant, aber meine Güte, er will der zweite Thomas Mann sein. Dieses Unterfangen kann nicht gelingen.

 

Meine Götter

 

In Stettin erfahre ich von A.Z., dass den Frauen vom Stettiner Kulturamt mein Text über meine privaten „Gottheiten“ (in “Pogranicza” 3/2011) besonders gut gefällt. Dabei wollte ich gerade diesen Text löschen und für immer vergessen. Diese Leserinnen aber meinen, ich würde hier etwas ausdrücken, wass sie seit langem fühlen, jedoch noch nicht in Worte fassen konnten.  Na ja, wir haben eine ähnliche religiöse Erziehung und überhaupt eine ähnliche Sozialisation als Mädchen erlebt – und auch dieselben Enttäuschungen. Wir alle suchen jetzt mühsam unseren eigenen, nicht fremdbestimmten und nicht angstbesetzten Weg.

 

Ein Gedicht

 

Ein von Inga Iwasiów moderierter Abend mit deutschen, holländischen und polnischen Dichtern. Spannend. Ein bewegendes Gedicht von J. Fiedorczuk. Mutter und Tochter spielen, dass eine von ihnen tot ist.

Danach gibt es ein anständiges „bufet“ im Schloss. Es gibt frische Feigen. Dazu noch gefüllt. Ebenfalls ein Gedicht.

 

Mit Ossis unterwegs

 

Mit drei Ossis unterwegs. Der eine ist Reiseleiter und Antreiber – er bestimmt, wo und in welchem Tempo es lang geht. Der zweite ist Kraftfahrer – er bestimmt wo und in welchem Tempo es lang fährt. Darüber hinaus ist er Kartenkenner und will es manchmal besser wissen als der Reiseleiter selbst. Der dritte ist T-Shirt-Lüfter, Verzögerer und “Schöne-Ecke-Sager”. Alle drei sind Bier-Trinker. Die Reise fängt im Zug an, wo wir einen Ukrainer auf Russisch aufheitern müssen, dessen Visum vor einer Woche abgelaufen ist. Er will so schnell wie möglich nach Polen, träumt geradezu von Warszawa, um von dort nach Hause zu gehen. Polen seien käuflich, meint er, nehmen Euros und lassen ihn in Ruhe, Deutsche nicht. Ihm gefällt es hier langsam nicht mehr. Der übereifrige Schaffner nimmt ihm seinen Pass weg. Unterwegs sagt er die ganze Zeit per Lautsprecher durch: Bitte die Türen nicht aufmachen. In Dresden wartet schon die Polizei. Na, ja die Übereifrigkeit so mancher Beamter hierzulande…

Dann Autobahnfahrt – unser Fahrer rast,  alle Anderen verlassen fluchtartig die linke Spur, und wenn nicht, so kriegen sie es mit der Angst zu tun. Wir hören u.a. Rap von “C-Rebell-um” über Ossi-Identität.  Es ist zwar mein Interessengebiet und ich höre es gern, hab aber gemischte Gefühle dabei. Ein wenig kindisch – diese Haltung der “beleidigten Leberwurscht” (immer noch auf die Wende beleidigt sein). “Ihr wisst gar nichts von uns, wisst ihr”, wirft er den Wessis vor. (Ich bin die letzte, die das Problem nicht versteht, aber wenn schon, dann bitte etwas tiefer greifen.) Er verwickelt sich in Widersprüche, verklärt die DDR und klagt sie zugleich an, ist sich des Widerspruchs jedoch nicht bewusst, reflektiert ihn nicht. Außerdem: Muss man sich denn wirklich in Rap-Texten so unverblümt selbst anpreisen? Vielleicht gehört es zur Gattung, aber es nervt.

Da war „Icke und er“ aus Spandau schon besser. “Allet läuft so jut, bis auf die Finanzen.” Oder: “Giebt es Rippe mit Jemüse sag ich Richtisch Geil / giebt es Correcte Bratwurst find Ick Richtisch Geil.” “Icke und Er” spielen zwar alte Machos und wollen cool sein, aber es hat was. Eine korrekte Bratwurscht pfeife ich ja auch schon mal gerne ein. Übrigens (Einwurf für meine Studenten) – man kann im Deutschen nicht nur etwas einpfeifen, sondern auch abpfeifen. Der Ukrainer wollte z.B. abpfeifen, doch sie haben ihn gefasst. Den Jungs gefällt der Song über  die”Berliner Girls” (Berliner Jerls) ganz besonders – meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aus feministischen Gründen.

Der erste Abend in einer schönen Siedlung in den Bergen (Ortsteil Pomezny Boudy des Dorfes Mala Upa). Es klingt kitschig, aber man ist den Sternen so nah, der Himmel ist so klar, und das ist nach wie vor verdammt schön.

Unser Vokabular in diesen Tagen beim “Abschrubben” von Kilometern auf Wanderungen: Wir sind nicht zum Spaß hier. Abarbeiten. Dann haben wir es weg. Eine scheejne Ecke. Es geht ab. Herrlich!

Ich lerne außerdem viel Ossi-Vokabular, zum Teil unanständig, denn ich höre mir Armeegeschichten an. Also: Schlüpferstürmer, Büchsenöffner, Liebestöter usw.  Vielleicht hat man aber auch in der Bundeswehr so gesprochen, keine Ahnung.

 

Kulturunterschiede

 

Warum fragt man mich in Polen immer ganz besorgt, aus welchem Grund ich meine große schwarze Tasche immer mit mir herumschleppe? In Deutschland hat mich noch niemand danach gefragt. Soll ich etwa mit einem kleinen Damentäschchen zur Uni gehen? Da passt doch gar nichts rein. Mein Laptop muss immer dabei sein, ein paar Bücher und Papiere, von denen ich mich ungerne trenne. Warum fällt das in Polen so extrem auf und von welchem Kulturunterschied zeugt das Ganze?

 

Alltag

 

Ansonsten heißt es ackern, ackern, ackern. Feld bestellen, Garten umgraben, Geduld haben. Von nichts kommt nichts. Von Facebook nicht abhängig werden. Ab und zu das Schwert zücken, mutig sein. Es ist nicht dramatisch. Es ist nur Arbeit, weiter nichts. Mein Gott.