Heute weckt mich die Sonne, der Frühling weckt mich, alles ist grün, alles treibt und singt und frohlockt. Was für eine Weite im Herzen, ein Gefühl von Freiheit und Liebe, dass man die Welt umarmen möchte. Ein richtiger Kurzurlaub letztes Wochenende. Eine ausgiebige Fahrradtour mit W. durch Pankow, Wedding, Tegel und Reinickendorf, an einem grünen Streifen und fast immer am Wasser entlang. Beim Fahhradfahren an solch wunderschönen Tagen in Berlin erschließen sich mir die Paradiese dieser Welt. Das schönste Paradieserlebnis entsteht durch die Verbindung des Natur- mir dem Kunsterleben. Glitzernde Wellen betrachten und dazu Gedichte lesen oder schreiben. Romantischer Kitsch, kann sein, doch es ist nur eine Etikette, weiter nichts.
Der Job ist: Auf die Pedale treten die Panke entlang, die Walter-Niklitz-Promenade. Unterwegs an der Wiesenstraße ein Denkmal für die Opfer des Blutmais von 1929, dann verträumte, halb wild zugewachsene, halb künstlerisch bearbeitete Hinterhöfe, die ich fotografieren muss. Berlin-Romantik- pur. Weiter am Spandauer Schiffsfahrts-Kanal, an Kleingärtenkolonien vorbei. Unterwegs viele Männer mit Vokuhilla-Schnitt (vorne kurz, hinten lang). Ein Spektakel extra für uns – Ruder-Wettbewerb. Anpeitscher laufen den Ufer entlang, feuern die Ruderer ziemlich grob an. Sie gehen W. mächtig auf den Sack. Er macht sie an: „Na, schafft Antje das wohl“?, fragt er eine junge Anpeitscherin. „Kannste nicht einfach mal die Fresse halten“?, schallt es ihm entgegen. Wir kommen an eine kleine Bucht, setzen uns ins Gras. Da spielen welche Wasserpolo auf ganz speziellen Kanus, rammeln sich an, prallen mit den Kanus aufeinander, schlagen mit ihren Paddeln den Ball, was das Zeug hält. Was es nicht alles gibt auf dieser Welt.
Unterwegs machen wir einen kleinen Abstecher. Abstecher sind eine Spezialität von deutschen Wanderern. Ganz vom Wege abkommen wollen sie nicht, auf Irrwege abgleiten sowieso nicht, aber so ein kleiner Abstecher kann nicht schaden. Ein bisschen Unordnung muss sein. So was schafft auch Hänschen klein. Dem Abstecher folgt das Einkehren. Auch eine sprachliche Köstlichkeit. Das Deutsche zergeht mir manchmal einfach auf der Zunge. Diese Sprache kann sich beileibe hören lassen. Wir wollen speisen in der Jägerklause, sind schon in Berlin-Tegel. Die Jägerklause liegt auf einem Winterlagerplatz für Boote. Die Ecke heißt wohl Saatwinkel oder so. Die Boote werden bereits geschrubbt, für den Sommer vorbereitet. Nachdem sich die stolzen Besitzer ihren Booten gewidmet haben, machen sie sich innen drin einen Gemütlichen und lassen dort Gott einen lieben Mann sein. Essen mitgebrachte Brote. Wir setzten uns auf die enge Terasse der Jägerklause neben ein anderes Pärchen. Es gibt nur Bockwurscht mit ner dürftigen Scheibe Brot. Wir sitzen vor den Booten und nehmen eine echte Erster-Mai-Parade ab. Die ganze Welt schreitet vor unseren Augen und stellt sich uns zur Schau. Flugzeuge erscheinen am Himmel, ganz ganz tief, fast zum Anfassen nah, feuern auf die Landefläche zu. „Extra für uns“, sagt W. gerührt. Die Bockwürschte knacken wie es sich gehört. Der Mann vom Nebentisch erklärt am Handy, was er gerade macht: Wir kiecken Flugzeuge, sagt er und schmunzelt uns an. Ein Augenblick, der ewig dauern könnte. An dieser Jägerklause in Berlin-Tegel Flugzeuge kiecken. Auch Werters Wertung fällt positiv aus. Damit es nicht zu kitschig wird: Ein Hund, ein Riesenviech stört die Idylle, sabbert an unserem Tisch und an uns herum, verpiss dir, bellt ihn W., an hau ab, du Monster, schiebt er hinterher. Es ist korrekt, es geht ab.
Zumindest seelisch. Denn körperlich sind wir nicht satt geworden am Saatwinkel. Es geht weiter an einen netten Strand, dort gibt es Brezeln und unser erstes mitgebrachtes Warka-Strong-Piwo. Dann heißt es wieder, auf die Pedale treten, wir setzen unser Abenteuer fort, fahren am Ostufer des Tegeler Sees entlang bis zum Hafen Tegel. Mehr Migranten sind hier zu sehen, aber auch viele ältere Deutsche, alle machen einen Symphatischen. Eine kunterbunte, sonnenüberflutete Promenade am Tegeler Hafen, Rentner, Musiker, Pärchen, Polen, eine Ausruferin am Schiff. Alle ganz friedlich vereint, wie auf einem Gemälde. Es ist laut, lebendig, locker. Ganz normale Leute, die gekommen sind, um die Sonne zu genießen. Weniger Getue und Gehabe, weniger Posieren, weniger Statussymbole, weniger Spannung, weniger Angst. Auf der Bank sitzen, sich von der Sonne küssen zu lassen, Wasser und Leute ankicken. Det reicht.
Der Kaffeedurst ist nicht mehr zu überspüren. Um die Ecke gibt es eine schöne Konditorei, W. war hier schon mal. Eine echte Konditorei, so was gibt es in Berlin kaum noch. Ein Kaffeehaus, in dem es noch nach Kaffee und Kuchen riecht. Wir gehen also konditorn. Fein und kultiviert machen wir das, lassen Fahrräder vor dem Haus stehen, glätten uns die Haare, kloppen den Staub von den Hosen ab, so, wir sind stubenrein und können nun eintreten.
Nach dem Kaffee-Erlebnis Weiterfahrt durch Alt-Reinickendorf. Schnell noch an einem russisch-orthodoxen Friedhof vorbeigeschaut, viele zaristische Generäle liegen hier, viele Kinder. Bunt bestückte Kindergräber. Spielzeug, Plüschtiere. Alles üppig vorhanden. Damit der Übergang in die andere Welt nicht so scharf ausfällt. Nicht so hart ist. Um die Grenze ein wenig zu verwischen. Dann noch ein anderer Friedhof, Kriegsgräber hauptsächlich deutscher Zivilisten, viele im April 45 umgekommen, auch Frauen, Kinder. Still halten, ein kurzes Gebet.
Dann setzen wir uns noch auf eine schöne Wiese, der Tag neigt sich langsam seinem süßen Ende zu. Ich krache mich richtig hin, hab das erste Mal im Leben keine Angst vor den Viechern. Mein Gott, was sind schon Viecher. Wir lassen die letzten Sonnenstrahlen auf uns wirken und schlürfen das zweite Warka-Strong. Müssen uns nochmal zur Weiterfahrt zusammenreißen. Unterwegs in Pankower Mauerpark viele jung Leute mit Jack-Wolfskin-Jacken, weiht mich unser Kiezsoziologe ein. Sie sammeln ihre sieben Sachen nach irgendeinem Konzert zusammen, packen alles in Mamas Auto, steigen ein, trinken Bionade. Berlin ist eben gar nicht so hart wie du denkst, sagt Peter Fox.

